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Mittwoch, 12. Oktober 2011

Kleinode deutschsprachiger Musik (24): Dota & Die Stadtpiraten - Astronaut (2011)

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In einer losen Serie stelle ich Werke vor, die vordergründig eines gemeinsam haben: Sie wurden in deutscher Sprache verfasst. Das alleine ist natürlich keinerlei Qualitätskriterium. Nein, mich interessiert ein kreativer Umgang mit selbiger.

Dota & Die Stadtpiraten
Um es vorweg zu sagen: Ich bin glühender Fan. Mit ihr allein könnte ich diese Serie locker bis Nummer 100 füllen. Wie soll man sich da also auf ein einziges Lied beschränken? Eine nahezu unlösbare Aufgabe. Ein wenig hat sie es mir auch schwerer gemacht, weil sie mein absolutes Lieblinglieblingslied bisher immernoch nicht veröffentlicht hat, obwohl sie es auf Konzerten bereits mindestens seit Mitte 2010 spielt. Es heißt 'Sommer', und wenn es endlich mal rauskommt werde ich alle damit nerven! 

Nunja, jetzt wurde also ganz frisch ein neues Livealbum der Stadtpiraten veröffentlicht, leider ohne besagtes Lied, dafür mit einem ähnlich fantastischen - nämlich 'Astronaut'. Es wurde ebenso lange bereits unveröffentlicht zum besten gegeben und kann nun endlich auch aus der Konserve angehört werden.

Astronaut erschien auf dem 2011er Album Das große Leuchten, welches in Berlin im November 2010 an 3 Tagen in einem schimmeligen Keller, dem Kabumm Studio in der Nähe des Rosenthaler Platzes live vor Publikum aufgenommen wurde. Ich war da, und es war eine ganz besondere Erfahrung. Die Stimmung war toll, und während der Lieder hat jeder versucht ja nicht irgendeine Flasche umzuwerfen oder sonstwie zu stören, doch Dota schaffte es trotz der anfänglichen Eingeschüchtertheit die Leute zum jubeln und mitsingen zu animieren. Dies kann man auch am Ende der Aufnahme von Astronaut hören. Auch waren ihre nichtmusikalischen Entertainmentqualitäten gefragt, da sehr schön old-fashioned alle halbe Stunde das Band gewechselt werden musste. Genau dort im Studio ist auch das Vorgängeralbum Dota Live vor Publikum entstanden, nur ohne Band. Das Album ist natürlich ebenfalls toll und kaufenswürdg ist.

Dota & Die Stadtpiraten - Das große Leuchten (VÖ 09/2011)
Im Lied findet sich die Protagonistin, wenn ich das mal so frei interpretieren darf, beim typischen Verwandtengeburtstag wieder. Verwandte, das sind die Menschen, die man sich nicht aussuchen kann, die man aber trotzdem regelmäßig aus Festivitätsgründen treffen muss. Dort gibt es dann die im Lied besungenen immer identischen Dialoge, Heuchelei und Geistesabwesenheit, weil der Input so schrecklich langweilig ist. Der Astronaut kreist dann im Kopf, sendet Ideenfetzen, während die Zeit in der Realität stehenzubleiben scheint. In (Groß-)Elternhäusern ist immer alles erstarrt, wie auch im Lied besungen wird.
Die Gegenwart ins unklare Gemengelage
Die Zukunft ist ein Knäuel von Möglichkeit.
Ich bin es satt.
Die Vergangenheit ist streckenweise schön,
aber sie findet nicht mehr statt.
Typisch für solche Anlässe sind Fragen nach dem, was man so gemacht hat, gerade macht und zukünftig machen wird. Während man Vergangenheit und Gegenwart im gedanklichen Stand-by-Modus ganz gut beantworten, ggf. auch aufhübschen bzw. der entsprechenden Erwartungshaltung anpassen kann, ist bei vielen von uns die Zukunft nur so eine diffuse Wolke. Das können viele Angehörige vorhergehender Generationen, die noch einem stringenteren Lebensentwurf folgten, nicht verstehen. Zu erklären, dass es nicht unbedingt das schlechteste ist nicht zu wissen was man in 10 Jahren macht führt dann auch ins Leere.

Ich nehme an, dass dieses für soviele Menschen mindestens alljährlich wiederkehrende Erlebnis noch nie so schön und treffend in einem Lied verarbeitet wurde. Das Lied wird mich zukünftig bei solchen Anlässen mit Sicherheit ständig begleiten.

Das große Leuchten ist ein wirklich sehr sehr schönes Album, was man z.B. im Stadtpiraten-Online Shop erwerben kann. Oder noch viel besser: Man geht auf das nächste Konzert von ihr!


'Astronaut' aus Das große Leuchten. Mit freundlicher Genehmigung von Dota Kehr.

Hier sitze ich bei Kaffee und Gebäck,
ganz wie auf dem Videoband von vor einigen Jahren
Die gleichen Leute und fast die gleichen Fragen
auf dem Geburtstag, auf dem wir jedes Jahr waren.
Ich guck wen an, der guckt mich an, hat was
hat was gefragt, ich sag zurück, nicht ganz was ich sagen will
Das Gesicht ist was man überall hinhält,
bis es hart wird und still.
Und in meinem Kopf ist ein Astronaut,
der durch das Dunkel treibt.
Und von da wo er grad ist, schickt er einen
Funkspruch und berichtet, wo er bleibt.
Ungezählte Stunden in der Küche, Brote essen, und Tee ,sehr viel Tee.
Ich guck in alle Töpfe, ab und zu in den Computer,
Darin vergeht die Zeit, hier nicht. Soweit ich seh,
ist hier alles erstarrt, erstarrte Fotos an der Wand,
erstarrte Sachen im Regal, erstarrte Schuhe im Flur,
erstarrte Worte auf dem Tisch, erstarrte Augen gucken aus dem Spiegel zurück. Nur
in meinem Kopf ist ein Astronaut,
der durch das Dunkel treibt.
Und von da wo er grad ist,
schickt er einen Funkspruch und berichtet, wo er bleibt.
Die Sittiche schimpfen, ich treibe Sport, ich geh spazieren.
Es ist alles am Ort, ich habe Milz, ich habe Nieren.
Ich hab ein Herz, in dem ist Blut, das bei Stillstand gerinnt,
das ist gut, das ist bei allen Leuten so.
Und alles ist nur eine Übung für das richtige Leben, wann auch immer das beginnt.
Und in meinem Kopf ist ein Astronaut, der durch das Dunkel treibt.
manchmal schwebt er ganz gedankenlos im Raumanzug herum,
manchmal schickt er mir Gedichte, die er schreibt.
Die Gegenwart ist unklare Gemengelage
Die Zukunft ist ein Knäuel von Möglichkeit, ich bin es satt.
Die Vergangenheit ist streckenweise schön, aber sie findet nicht mehr statt.
In meinen Händen geht sehr viel kaputt,
in meinen Lungen ist Rauch
in meinen Ohren ist es laut
Und in meinem Kopf ist ein Astronaut,
der geht schwerelos spazieren.
irgendwann wird er den Funkkontakt zur Bodenstation
eventuell verlieren.


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