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Sonntag, 30. Oktober 2011

Der Protest und seine Lieder

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Walter Mossmann / Anti-AKW Demo Whyler Wald ©Meinrad Schwörer / bund.net
Wann ist etwas so richtig Hip? Wenn es neu ist oder wenn es retro ist - beides zusammen ist hyperhip. So kommt es, dass ganz ohne Hunger und Gewalt eine Protestbewegung durch die westliche Welt schwappt, die irgendwas gegen das Weltfinanzsystem hat, oder einfach mehr Wohlstand will (mal sehen was die "99%" machen, wenn der Rest der Welt auch Gerechtigkeit möchte).

Den Protest kennen viele der Beteiligten garnicht aus eigener Erfahrung, wohl aber die Vorbilder aus Preinternetzeiten. Protest ist also Retroneu, aber was ist mit der Musik dazu? Ich fragte mich, ob die Musik zum Protest auch Retroneu ist.

Oktober 2011. Zinseszins führt dazu, dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden, falls die Reichen nicht deutlich mehr Abgaben zahlen als die Armen - und weil sie das im Moment weltweit nicht annähernd zu Genüge tun (in der Regel zahlen Reiche relativ zum Vermögen weniger Steuern, auch das ist eine globale Konstante), steigen die Schulden, die die vielen Armen bei den wenigen Reichen haben, exponential nach oben. Diese Funktion kennen wir sicher alle noch aus dem Schulunterricht. Das Ende vom Lied ist, dass sich immer schneller immer astronomischere Schulden auftürmen - und, der Wahnsinn geht da erst richtig los, in größtenteils fiktivem Geld, was nie existiert hat. Das Ganze ist reichlich verwirrend. Ich empfehle zum Thema die Quarks & Co-Sendung 'Wohin verschwindet unser Geld?'

Genug zu den Ursachen, denn das führt von der eigentlichen Frage nach dem Liedgut ab. Wenn man das so Youtubed ist schon jede Menge Material zu finden, welches ziemlich direkt an die alten Protestliedvorbilder anschließt. Die Akustikgitarre ist eben ein furchtbar praktisches Instrument, und da es nachspielbar und verständlich sein muss bleibt für Kreativität wenige Lücken. Der Unterschied ist eher, dass jeder direkt aufnehmen und es ins Internet stellen kann. Früher sang man entweder auf der Straße und erreichte damit nur eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen, oder man war schon Star. Heute tummelt sich eine Masse unbekannter Menschen mit ihren Liedern im Netz, und man kann unmöglich sagen, ob etwas davon tatsächlich zum Soundtrack der revolutionären Massen wird.



An wen denkst du als erstes beim Wort 'Protestsong'? Ich tippe auf Bob Dylan. Er hat das 'Genre' geprägt wie niemand sonst. Es passte damals einfach in die Zeit, denn der angesagt Folk Anfang der 60er war ja akustisch, sodass es total modern klang, und nicht so liedermacherisch staubig wie für unsere Ohren. Lieder wie 'Blowin' in the wind' und 'The times are a-changin' sind die Blaupause für alles, was danach kam. Nun ist der in die Jahre gekommene Bobby kein Revoluzzer, war auch nie einer, aber seine Lieder werden ihn überleben und den kommenden Generationen ein sehr falsches Bild von dieser Person vermitteln. Beeindruckend.

Aus Folk wurde Rock, und der Protest in Deutschland Anfang der 70er kam nicht ohne Ton Steine Scherben aus. Sie zeichneten die andere Protestliedvariante, nämlich die zum gröhlen und aufpushen. Die Slogans waren denkbar einfach und setzten sich dank der eingängigen Lieder sofort fest. 'Keine Macht für niemand', 'Macht kaputt was euch kaputt macht' oder 'Rauch-Haus-Song' sind bis heute gegenwärtig - jede Deutschpunkband macht nichts anderes als, ob bewusst oder unbewusst, diese Lieder zu zitieren.



Während die Scherben nach einigen Jahren sich auf zwischenmenschlichere Themen und experimentellere Musik besannen, brach der Punk aus - das Non plus ultra aller Protestbewegeung. Protest gegen alles, auch gegen den Protest. Auch diese Periode brachte Hymnen hervor, die es im Grunde in einen allgemeinen Kutlurkanon geschafft haben, zumindest International. In deutscher Sprache haben wohl Slime alles wesentliche gesagt und eine direkte Nachfolge der Scherben angetreten. Sie gaben den Liedern noch mehr Energie und verkürzten die Slogans. Das Aggropotential wuchs immens - wenn man 'Deutschland muss sterben' brüllt revolutioniert es sich sehr energiegeladen.



Was sollte nach dem größten aller möglichen Proteste kommen? Nicht viel. Die Mainstreamgesellschaft besann sich im Protest gegen Raketen, AKWs und den Kalten Krieg auf friedliche Töne. Da mussten Figuren wie Marius Müller-Westernhagen und David Hasselhoff herhalten. Immerhin hat David Hasselhoff den Kalten Krieg beendet, das ist schon eine Leistung. Danach war der Protest in der westlichen Welt ziemlich leise, so gegen Krieg hier und da, die Liedermacher durften im kleineren Rahmen wieder ran und es machte sie das Gefühl eines Dornröschenschlafes breit. Eine Ausnahme war das Thema Fremdenfeindlichkeit, was leider aufgrund mehrerer Progrome Anfang der 90er Angst und Schrecken verbreitete. Jeder politisch halbwegs interessierte Künstler fühlte sich genötigt was dazu zu sagen, und besonders aus der im weitesten Sinne "Punkecke" stammen aus dieser Zeit Glanzstücke des Protestes. Die Ärzte schrieben 'Schrei nach Liebe', Die Goldenen Zitronen vieles, aber vor allem 'Das bißchen Totschlag', und natürlich Slime, Hosen, ...But alive, Wizo etc. pp. Wichtig war es sich so intelligent, wie es in 3 Minuten geht, möglichst klar gegen Nazis Stellung zu nehmen. So platt das manchmal auch ausfallen mag, gerade für Heranwachsende ist das eine gut verständliche und hoffentlich prägende Botschaft.



Als es um das Thema völlig ungerechtfertigerweise wieder stiller wurde, waren SängerInnen wieder vornehmlich mit ihren eigenen Befindlichkeiten beschäftigt. Vor 10 Jahren bekam dieser Rückzug ins Private einen Knacks. Wie sollte man reagieren? jeder musste wieder irgendwas zum Thema sagen. Plötzlich stand Krieg auf der Agenda, wenn auch nicht im eigenen Land. Mit Wahlen kann man dagegen in Deutschland offensichtlich nichts ausrichten, also bleibt nur APO und Liedgut. Genauso hilflos fühlte sich wohl TV Smith, als er zum Beginn des 3. Irak-Krieges das großartige 'Not in my name' schrieb.

TV Smith - Not in my name (2003) by Tante Pop


Was bleibt uns Heute zum Thema Weltwirtschaft? Wir können uns an die Händchen fassen und Die Internationale singen, oder wir lauschen der unfassbar großartigen Dota Kehr, die schon seit Jahren in ihren Liedern vieles zum Thema Weltwirtschaft zu sagen hat, oder wir reaktivieren covermäßig den ollen Bobby Dylan. Aber am schönsten wäre es doch, wenn viele Leute kreativ sind und Dank der neuen interaktiven Möglichkeiten gemeinsam was schönes auf die Beine stellen - und da kann man sich ruhig am Besten der vergangenen 50 Jahre bedienen.

Mir ist übrigens klar, dass ich den Begriff 'Protestsong' sehr weit gefasst habe, aber es gibt keinen vernünftigen Grund es nur auf Akustikgitarrenanprangerungslieder zu beschränken. Alles was zum politischen Denken und Handeln ermahnt ist für mich ein Protestsong.

Zum Abschluss noch etwas, was ich unterschlagen habe (wie sovieles). The Specials mit 'Racist friend' von 1984. Eines meiner Lieblingslieder:

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