Tante Pop

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Freitag, 3. Februar 2017

Die Damen und Herren des Orchesters - Zweihundert Jahre ohne Erfolg

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Die Damen und Herren des Orchesters - Zweihundert Jahre ohne Erfolg | VÖ 08.02.2017

Zweihundert Jahre sind ein verdammt langer Zeitraum, der die Qualität einer Idee ausgiebig testet.
Anfang 1817: Karl Drais baut seine Laufmaschine. War das ein Erfolg? Nach einem kurzen Hype verschwand das Teil wieder von den Straßen, und es dauerte über vierzig Jahre, bis mal jemand auf die Idee kam Pedale zu montieren. Zweihundert Jahre später ist es DAS Fortbewegungsmittel, und wer gerade diesen Text liest, hat mit ziemlicher Sicherheit mindestens eines davon zu Hause parat (oder 3,3, wenn man in Münster wohnt).
Anfang 1817: Mary Shelley ist kurz davor ihren Frankenstein und sein vegetarisches Monster fertig zu erschaffen. Was mag sie zu diesem Zeitpunkt gedacht haben? „Wer will das überhaupt lesen?“ „Ist das nicht alles etwas radikal, aber in zweihundert Jahren werden die Leute es ganz super finden?“ Wer weiß. Der Stellenwert im 21. Jahrhundert und die visionäre Kraft waren sicher nicht vorstellbar.
Anfang 1817: Franz Schubert komponiert ‚Die Forelle‘. Für ihn vielleicht nur eines seiner 600 Lieder, aber für uns auch zweihundert Jahre später sein Smashhit. Ob ihm das was bedeutet hätte? Er hat den Rock‘n‘Roll gelebt, und wenn dieser Punk schon von seinen Zeitgenoss*innen sicher des öfteren skeptisch beurteilt wurde, so wird ihm wohl auch sein Nachwirken im Jahr 2017 scheißegal gewesen sein.

Anfang 2017: Es erscheint das erste Album von Die Damen und Herren des Orchesters, einer Band aus dem südlichen Raum des Bundeslandes Aldi-Süd. Wird sich dieses Album mit dem Namen Zweihundert Jahre ohne Erfolg in diese Aufzählung einreihen und 2217 unverzichtbares Kulturgut sein? Nein, das ist nicht anzunehmen, aber sorgen wir uns nicht um den späten Ruhm. Die Frage sollte vielmehr lauten, ob 2017 damit etwas anfangen kann. Das Jahr riecht nach Apokalypse, Revolte und kämpferischem Liedgut. Wer das sucht, sucht vergebens. Die Musik mag flott und punktauglich sein, doch die Texte sind persönlicher, schielen eher auf Melancholie als auf Krawall. Persönliches, zwischenmenschliches Drama steht größtenteils im Mittelpunkt. Verlust, Tod, Abseitiges. „Unter den Dingen stehen“, wie es in „Winfried“ so schön heißt, mag wohl der rote Pfaden der Liedersammlung sein. Reichlich morbide hastet der erste Teil der Platte von einem Lied zum nächsten, mit endzeitlichen Zeilen wie „Was gibt es Schöneres, als einfach zu gehen? Es gibt nicht Schöneres, als sich nie wieder zu sehen? („Engel“) oder „Unheilvolle Dinge nahen heran. Beständigen Schritts gehen sie ihren Gang. („An den Pforten zur Hölle“).
In der zweiten Hälfte geht es im Grunde genauso weiter, wobei bis zu zwei Lieder garnicht so abgründig sind wie der Rest, die müssen aus Versehen dazwischen geraten sein. Anspieltipp für Menschen mit der Aufmerksamkeitsspanne für nur ein Lied soll „Wer trägt meine Sachen raus“ sein, eine recht repräsentative und eingängige Melange aus allen Zutaten zum Album.

Fazit: Das zartbesaitete Gemüt sollte Abstand vom Album nehmen. Wer Texte über Tod, Tod, Tod und devotes Beziehungsverhalten auf Albumlänge erträgt, kann allerdings ruhig zugreifen. In einer Balladenversion wäre das Machwerk schwer erträglich, aber die musikalische Umsetzung ermöglicht den Musikgenuss sogar am Stück, ohne mal zwischendurch Stimmungsaufheller nehmen zu müssen. Oder sagen wir fast ohne Stimmungsaufheller. Zum Serotoninausgleich sind 50g Schokolade pro 10 Minuten Album empfehlenswert.

Und was wird aus dem Erfolg? Die Zukunft bleibt ungewiss, doch es möge gerne ein Exemplar des Albums in einer Zeitkapsel deponiert werden, datiert auf das sicherlich total heitere Jahr 2217. Hätte Franz Schubert eine Zeitkapsel fürs Jahr 2017 gebunkert, wir wären entzückt.

Die Damen und Herren des Orchesters haben Facebook. Das Album ist bei flight13.com kaufbar. 

Freitag, 15. Juli 2016

"Fotzenfenderschweine" von Almut Klotz

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Die Erwartung ist klar – irgendwie autobiografisch, vielleicht irgendwelche alten Lassie Singers/Berlin-Popchor-Flittchenbar-Geschichten, oder Schwänke aus der Jugend. „Das schöne Leben", Christiane Rösingers Autobiografie, spukt im Hinterkopf herum. Alles das bleibt im Großen und Ganzen eine Nebensache. Das Buch ist im Grunde nicht ihre Biografie, sondern die von Reverend Christian Dabeler, mit dem Almut Klotz gut 10 Jahre liiert war.

Vielleicht wollte sie auch über all das andere (mehr) schreiben, aber die Krankheit hatte ihr nicht viel Zeit gelassen. Es schien ihr das wichtigste Anliegen gewesen zu sein, den Reverend detailliert (und schonungslos) einem größeren Publikum vorzustellen. Ein Mensch, der von sich selbst behauptet immer übersehen zu werden. Almut Klotz wird diese vielleicht etwas zu paranoide Auffassung nach ein paar Jahren des Zusammenlebens teilen. Tatsächlich arbeitet das Buch sehr schön die Unterschiede beider Charaktere und ihrer Umfelder heraus.
Auf der einen Seite steht die narzisstisch durchdrungene ‚Indieszene‘, mit ihrem teilweise etwas schrägen Coolness- und Außenseiterimage, das es zu pflegen gilt. Auf der anderen Seite der Reverend, der es vorzieht professionell zu arbeiten und ansonsten gerne steile, plakative Thesen vertritt.
„Frauen haben‘s gut. Die müssen einfach nur sein. Zum einen zeigt sie [die Ansicht] die schlichte Denke, die Reverend oft hat; zum anderen muss ich heimlich lachen, wenn ich mir vorstelle, man würde das auf einer Party, in einer Podiumsdiskussion oder bei der NDR-Talkshow zu Barbara Schöneberger sagen. Die Leute würden ausflippen! So was darf man heutzutage nicht nur nicht sagen, sondern auch garnicht mehr denken!
Und dafür liebte ich Rev dann doch wieder.
Und ganz ehrlich, wenn man es anders ausdrückt, klingt es auch gar nicht mehr so unglaublich. Es ist wahr, dass Frauen sich nicht so sehr über Beruf und Karriere definieren wie Männer. Das darf man gerade noch sagen. Weiter: Wenn Frauen keinen Bock mehr auf ihren Job haben oder keinen Bock, ihre Ausbildung zu Ende zu machen, werden sie halt schwanger und sind für ein paar Jahr das Problem los. Das darf man schon nicht mehr sagen, ist aber trotzdem wahr. Weiter: Frauen sind nicht so ehrgeizig, sind oft sogar faul und verlassen sich auf Männer. Musikkolleginnen haben sich oft beklagt, warum es so wenige Musikerinnen gäbe. Neben allen Steinen, die ihnen von den bösen Jungs in den Weg gelegt werden, kommt es aber nie zur Sprache, dass kaum ein Mädchen sich mit seinem Instrument, seinem Sound mal richtig beschäftigt und übt, sodass sie mit ihrer Band weiterkommen könnte. Nein, sie macht ein Mädchenduo, wo dann beide auf niedlichen Geräten rumdrücken und dazu ein bisschen singen. Bei Soundchecks wissen Musikerinnen oft nach Jahren nicht, wie sie ihren Sound einstellen sollen und jammern über die gemeinen Feedbacks, die enstehen.
Ich will mich gar nicht ausnehmen. Als ich vor ein paar Jahren in Ludwigsburg im JuZ aufgetreten bin, war mein Bruder da. Hinterher sagte er zu mir, freundlich und verständnislos: „Mensch, wenn ich so viele Jahre auf der Bühne stehen würde wie du, hätte ich aber schon mal richtig gelernt, Gitarre zu spielen.“
Daran habe ich lange denken müssen. Weil da eben genau dieser Unterschied drinsteckt.
Seite 80 f.
Wegen Textpassagen wie dieser ist das Buch ein harte Prüfung für alle Beteiligten. Der Reverend muss bei aller Lobhudelei auch viel einstecken. Der linke Verbrecher Verlag hat es veröffentlicht, auch wenn diverse im linken Spektrum eher wenig konsensfähige Meinungen vertreten werden. Und schließlich wird der mutmaßlichen Leser*innen-Klientel viel an diesen teils befremdlichen Aussagen zugemutet, die in der Indieblase Seltenheitswert haben.
Genau deswegen ist die Veröffentlichung so wertvoll. Klare Worte werden in alle Richtungen verteilt. Und doch scheint es so, als habe der Reverend in der gemeinsamen Zeit ordentlich abgefärbt.
Da lebt man seit zwanzig Jahren in Berlin und denkt, man wäre die Creme de la Boheme, und dann kriegt man durch die Perspektive eines anderen [Reverend] plötzlich mit, wie saturiert man eigentlich geworden ist und wie piefig diese Indie-Avantgarde sein kann.
Seite 97 f.
In jedem Kapitel geht es um den Reverend, eingebettet in die eigenen biografischen Episoden von Almut Klotz. Es sind seine Empfindsamkeit, das Übersehenwerden, und eben die ganzen Ansichten, die sich so sehr mit ihrer eigenen Sozialisation in Berlin beißen. Es ist die nahezu verzweifelte Suche nach Gemeinsamkeiten, selbst nach Jahren der Beziehung.
Reverend sagte oft: „Dir reicht ja schon die Idee. Die Ausführung ist für dich gar nicht wichtig.“ Und das traf es genau.
Seite 81
Diese Aussage bezüglich des Musikschaffens scheint treffend zu sein, und ist interessanterweise die Umkehrung eigentlich aller anderen Ansichten im Text. Der Reverend ist voller Meinungen und Theorien (die, so wie sie von Almut geschildert werden, oft an der Grenze zur Verschwörungstheorie kratzen, oder auch mal die Grenze überschreiten), aber im wirklichen Leben mit vielen Menschen überfordert, während es bei ihr umgekehrt der Fall ist.

Dem Reverend fehlt es nicht am alllgemein verbreiteten Kunstschaffendennarzissmus, aber er hat es nie geschafft ihn ausreichend zu befriedigen (laut Buch, wer weiß wie es sich in der Realität darstellt). Ihm einen Großteil ihrer Autobiografie zu widmen ist deshalb, trotz einiger schonungslosen Darstellungen, ein schönes Geschenk von Almut Klotz an den Reverend.

Mögen manche Aussagen auch befremden – das Buch ist durchaus unterhaltsam und offenbart eine erfrischende Perspektive auf einen interessanten Menschen aus Hamburg und den Indieschmonzes in Berlin. Und dazwischen Almut Klotz, die mit dem Reverend alt und glücklich hätte werden sollen. Scheißkrankheit.




PS: Ja, während des Lesens und Schreibens liefen alte Lassie Singers-Alben. Es ging nicht anders.
a) Die Rest of Lassie Singers hat eines der tollsten Booklets in der Geschichte von CD-Booklets. Die sollte wirklich mal öfter aus dem Schrank geholt werden.
b) Weit weniger kreativ als ‚Fotzenfenderschweine‘, aber sehr passend hätte das Buch natürlich auch „Ich glaub ich hab ein Faible für Idioten“ heißen können.
c) oder wahlweise „Wer keinen Sitzplatz kriegt, muss immer stehen.“


Dienstag, 31. Mai 2016

Udo Lindenberg - Daumen im Wind

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Uns ist ja schon einmal aufgefallen, dass Udo Lindenberg mal ganz und gar großartig war. Wir wollen seinem heutigen künstlerischen Schaffen auch nicht unbedingt unterstellen, schlimm zu sein. Nur können wir da nicht so viel mit anfangen. Dass Herr Lindenberg auf seine älteren Tage so erfolgreich ist, das gönnen wir ihm. Und wenn es nur wegen der Lieder ist, die man auf seinem Album 'Daumen im Wind' finden kann (1972).

Noch verrückter als die Tatsache, dass es sehr lange brauchte, bis mir die Bedeutung Udo Lindenbergs vor seinem Comeback bewusst wurde, ist die, dass eine ARD Dokumentation daran Schuld ist. Man mag von Udo Lindenberg halten, was man will, er sagt ziemlich unterhaltsame Sachen und der Großteil davon ist auch noch verdammt klug. Nun und damals, da war er wohl einer der revolutionärsten deutschen Musiker. Wirklich.

Nicht nur, dass er ein ziemlich gewitzter Schlagzeuger war, beispielsweise als Gastmusiker von Klaus Doldinger - Udo Lindenberg hat es verstanden, Musik zu machen, die mit deutschen Texten nicht annähernd so holprig klingt, wie ein Großteil deutschsprachiger Musik. Teilweise heute noch. Und er hat grandiose Melodien geschrieben.

In der bereits erwähnten ARD Doku, die ganz ok und doch zeitweise wie ein reiner Werbefilm daherkam, den nur Udo Lindenberg selbst zu unterbrechen wusste, lief kurz ein Ausschnitt eines Liedes. 'Daumen im Wind' ist gleichzeitig auch der Titelsong des 1972 erschienenen Albums von Lindenberg. Und so wundervoll folkcountryliedermacherig eben dieses Lied klingen mag, so ist es nicht nur überhaupt nicht wegweisend für das gesamte Album, sondern eine langsame Annäherung an das, was noch passieren wird. 

'Good Life City' ist ein Juwel von einem Lied. So herrlich unvorhersehbar. Und es zeigt ungefähr das, was 'Daumen im Wind' in voller Länge macht: Stilrichtungen vermischen, keinen Gedanken an Mainstream oder Underground zu verschwenden und vor allem, Texte und Musik hervorzubringen, die mit Udo Lindenbergs durchaus vorlauten Art zu vergleichen ist. Textzeilen wie "Mein Onkel ist Zauberer, in Bonn am Rhein. Kaninchen im Zylinder und Tauben im Hosenbein. Hokuspokusmann, hat 'ne Menge drauf. Doch eines gibt's, was er nicht kann, eine bessere Welt kann auch er nicht zaubern. Da muss man sich schon selbst drum kümmern und ich fang' jetzt damit an." Herrlich. 

Plötzlich findet man sich auf 'Daumen Im Wind' in jazzigstem Gegnidel wieder und keine Minute später sind da ganz große Pop-Momente dabei. Mag ja sein, dass wir da einige Jahre auf dem Schlauch standen. Aber wie die Tante Pop nun einmal sagt: es muss ja nicht immer neu sein. Hauptsache man entdeckt es (für sich) und die Musik macht das, was sie kann: begeistern. Udo Lindenbergs 'Daumen im Wind' macht das. Manchmal, da berührt dieses Album auch. Und verdammt noch mal, das ist toll. Denn selbst ein schnulziges Lied wie 'Hoch im Norden' hat da ganz tief in sich drin eine plakativ verpackte, einfache Wahrheit. Zudem scheint es selbst eine Band wie Dr. Dog (die uns sehr, sehr, sehr am Herzen liegt) auf seltsame Art erreicht zu haben. Anders ist uns die Ähnlichkeit mit ihrem 'Distant Light' nicht zu erklären. Aber nun wirklich nicht. Udo Lindenbergs 1972er Ich muss irgendwo noch auf Tour gehen. In Amerika. Oder so.

Im Ernst, ein Lied wie 'Alkoholmädchen' beschreibt etwas, mit dem sich sehr viele Menschen gar nicht erst beschäftigen möchten. Schon gar nicht in solch einfachen Worten. Wenn, dann muss es metaphorisch umschrieben werden. Nein, muss es nicht.




Dienstag, 10. Mai 2016

Bastian Wadenpohl - Griesgramgrüße aus dem Gartencafé

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Die gute alte Liedermacherei kann viel bieten. Bard*innen berichten aus ihrem Soziotop, das uns meistens vertraut scheint, aber doch einen ganz eigenen Mikrokosmos zur Schau stellt. Im vorliegenden Album Griesgramgrüße aus dem Gartencafé erwartet uns nicht die dem Titel nach zu befürchtende Hölle alliterierender Wörter. Vielmehr ist der Reimkunst, entsprechend der Erwartungshaltung ans Liedermacher*innentum, in diversen Variationen reichhaltig Genüge getan. Die Form allzu ausschweifend zu beschreiben erscheint allerdings müßig. Meistens bleibt Bastian Wadenpohl alleine mit Stimme und akustischer Gitarre. Die drei Ausnahmen lockern das Album etwas auf, und Auflockerung braucht das Genre am allermeisten.

Bastian Wadenpohls Mikrokosmos heißt Wuppertal, früher mal Monheim, wie dem Steckbrief zu entnehmen ist. Seine Lieder sind allerdings in den meisten Fällen in einen urbaneren Rahmen übertragbar. Vor allem 'Straßenbahnromanze‘ erzeugt dieses stickige Bild der Zombies und sozial Abgehängten im Öffentlichen Personennahverkehr, die oft kaum mehr wahrgenommen werden. Hier finden sich zwei von ihnen, und der Kitschfaktor ist einigermaßen hoch („Dank der [Vollbremsung] flog sie in seine ratlosen Arme, und quasi augenblicklich was das Leben wir im Pilcher-Roman.“) Es muss kritisch festgehalten werden, das mit „quasi“ und „Pilcherroman“ zwei der schlimmsten Wörter der deutschen Sprache in einem Satz verwendet werden. Noch dazu zündelt der Sänger im Lied mit dem Höllenwort „Griesgramgruppenbild“ gefährlich mit dem schon erwähnten Alliterationsfeuer. Es bleibt allerdings glücklicherweise eine Ausnahme, denn ansonsten müsste ein Wuppertaler Barde mit einem Wörterbuch verhauen werden. Außerdem holt er mit der lyrischen Antipode 'Kleine Stadt‘ die Kleinkunstkohlen wieder aus dem Keu...Feuer. Wie alle Themen ist auch das der Kleinstädterei ein beliebtes, völlig zu recht und immer wieder mit Hachja-Moment. An Bernd Begemanns 'Deutsche Hymne ohne Refrain‘ kommt im deutschsprachigen Kosmos eigentlich kaum etwas heran, aber 'Kleine Stadt‘ hat viel Schönes.

Sag, kleine Stadt, wo sind die Freaks?
Das sind die, die du vertreibst, weil jeder Clown die Krise kriegt, wenn du vor Vergnügen kreischst.
Ja, kleine Stadt, wo sind die Freaks?
Nur Bürgersülze weit und breit, im Schützenheim rülpst einer „Peace“, die nächste Petze steht nie weit.

Ach kleine Stadt, ich glaub der Nebel in dem du so gern liegst, der strömt den Menschen aus den Por‘n.
Karneval trägt Herr Schmitz Säbel.
Vorsicht, antik, wie der Rest der Uniform.

Neben etwas Selbstmitleid hier und da bietet das Album diverse vortreffliche Momente. Das entschleunigend lethargische Faulenzlied 'Noch immer nichts getan‘ („Und sing 'nen Abgesang auf allen Tatendrang, lehn mich ein Stück weit zurück und mach den Stuhl zum Untertan, und da der Neuanfang wohl auch noch warten kann, hab ich noch immer nichts getan.“) gesellt sich zum bettmenschig lethargischen Faulenzlied 'Bis die Matratze streikt‘ („Sag ihr, ich lieg im Bett und streike, und furz die Laken voll, und wälz mich auf die Seite.“) Ein schönes Paar, die Lieder. Ein anderes schönes Paar sind 'Für mich nicht‘ und 'Am Rhein‘. Sie finden sich in der Ungreifbarkeit von Realität. Ersteres ist eine Verweigerung von Eskapismus im eigenen Leben im Spagat mit der Nichtakzeptanz der kapitalistischen Realität, während 'Am Rhein‘ sehr gelungen die Problematik der eurozentristischen Perspektive auf globale Tragödien thematisiert - wer entspannt am Rhein sitze, mag nicht in der Lage zu sein sich Krieg und Hunger vorstellen zu können. Das ist so wahr wie unbegreiflich, welches Glück darin liegt beim Geburtenlotto sechs Richtige mit Zusatzzahl gezogen zu haben. Mit dem Gedanken sollten wir an dieser Stelle innehalten, die kleinen und großen Dramen des besungenen Kosmos in Relation zu echtem Elend setzen, und die Leichtigkeit genießen, mit der Bastian Wadenpohl entgegen des ersten Eindruckes dieses Album füllt. Anfänglich durchdrang eine Schwere die Worte und die Stimme, aber nach mehrmaligem Durchlauf weicht das immer weiter auf.

Griesgramgrüße aus dem Gartencafé erscheint am 24.06.2016 bei RETAP. Alle Infos unter bastian-wadenpohl.de



Samstag, 2. April 2016

Danny Dziuk - Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer

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„Beim Namen fängt's an, schon der ist nicht klar.“ Ja, stimmt tatsächlich. Herr Dziuk klagt dieses Leid singend auf seinem neuen Album, und selbst unsereins als langjähriger Fan muss an dieser Stelle gestehen, wirklich sehr viele Jahre bei der Aussprache falsch gelegen zu haben. Korrekt wird es [ʤʊk] gesprochen, ungefähr.

Lange hat er sich Zeit gelassen für neue Soloambitionen. Was viele Menschen nicht wissen – auf dem letzten Album Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers erschien mit 'Mein schönes Berlin' das mitunter beste Lied über die hippe Berliner Gegenwart im 21. Jahrhundert (City-West nicht inklusive), und 'Halber Staat' ist eines der smartesten Statements zur rechten Gewalt in Deutschland. Aber das war das letzte Album, richten wir lieber den Blick und unsere Erwartungen gen Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer. Auch hier geht es recht politisch zu. 'Halber Staat' erfährt seine Fortsetzung im flotten 'Ja, man darf (Demokratie)', das an Menschen adressiert ist, die behaupten, dass diverse Dinge nicht gesagt werden dürfen.
Und ja, man darf
Man darf in diesem Land beinah alles sagen
Nur muss man aber dann auch das Echo ertragen

Herauszuposaunen, wonach sie alle giern
Dabei aber selbst sich als Opfer aufzuführn
Und unterdrückte Mehrheit, die sich ja nur wehrt
Gegen gender-linke böse Mächte
Und verkehrt sich auch die ganze Welt gegen sie – egal – hat sich halt verschworn
Sie ha'm halt keine Wahl und müssen immer nur Rattenfängern nach ins Gestern
Das Lied würde eine gute Single hergeben. Heavy Rotation auf Antenne Brandenburg, die Vorstellung ist zu gut. Der Belehrung zum Thema Demokratie schließt sich die selbst erklärende (fast) Solopiano-Utopie 'Arschlochfreie Zone' an. Viel Text, viel Pamphlet, aber zum Schunkeln.

Eine weitere gesellschaftliche Großbaustelle darf nicht fehlen – 'Berliner Straße' und 'Zu groß, um zu scheitern' beklagen die allbekannten Zwänge und Dogmen des Kapitalismus. Letzteres bietet nochmal einen schönen Berlin-Moment, der auch gut zu 'Mein schönes Berlin' gehören könnte.
Glaub, ich dreh mal ne Runde um's Tempelhofer Feld
All die Drachen am Himmel, all das fehlende Geld
Und dieser Hauch von Eden
Auf das es keinerlei Hoffnung für jeden gibt, der denkt, er sei zu groß, um zu scheitern.
Danny Dziuk macht aus dem prekären, aber freigeistigen Künstlerleben feinsinnige Popsongs, die auch mal in Liebeserklärungen und zwischenmenschliche Sehnsüchte abgleiten. Die befinden sich durchaus das ein oder andere Mal in der Grauzone zur Schmalzigkeit, aber immer elegant getextet. Ein besonders schönes Beispiel ist 'Shakespeare-Himmel (überm Zaun)', mit der schon von eben jenem ausführlich bearbeiteten Problematik der Eifersucht. Es ist der Emo-Moment des Albums.
Sag mir wer, was soll ich machen?
Kann hier wer die Zukunft sehn?
Sollt ich heulen oder lachen?
Oder zu meinem Pailletten-Mädchen gehen?
Gib mir'n Samariter-Kuss, ich nähm ihn gern grad.
Stellt sich doch das Problem nicht: wie lang muss ich warten, sondern wie lang kann ich noch.
Zum Glück macht er am Ende des Liedes nicht den Werther. Das mag auch beim düsteren 'Borderline' der Gedanke sein. Das Drama schwingt sehr laut mit, und so ein bisschen stellt sich das Gefühl ein, welches Rio Reiser auf seinem Album Himmel & Hölle mit dem 'Eislied' verarbeitet hat.

Insgesamt hält das neue Album eine schöne Balance aus kleinen und großen Dramen und Freuden. Dystopie und Utopie, alles in zwölf Lieder verpackt. Die teilweise sehr autobiografische Schreibe des Danny Dziuk (DSCHUCK!), ob über das Tourleben oder missverstandene Charaktereigenschaften, mixt sich sehr gut mit der Betrachtung der Dramen anderer.

Freudig erwarten wir schon das nächste Danny Dziuk-Album, das hoffentlich irgendwann vor 2024 erscheint. Abschließend soll nochmal 'Alien', das schön schwofige Wie-spricht-man-den-Namen-aus-Lied, zitiert werden.
Auch hab ich nie – wie's sonst zum Mucker heut dazugehört
Als erstes Jura oder auch nur BWL studiert
Da steh ich auf'm Schlauch
Und ich trink und ich rauch
Wie jeder andere coole Alien auch

Mh, kenn' Sie denn ansonsten außer mir keinen Alien?
Die sind nur froh im Anderswo
Und fressen Stacheldraht am liebsten roh
Und sagen sowas auch nicht einafch so
Und reimen freundlch wie ein...Känguro!

Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer erscheint am 08. April 2016. Alles zum Album bei dziuks-kueche.de, oder (natürlich) bei Facebook.

Montag, 21. März 2016

Dirk Darmstaedter - Beautiful Criminals

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Passend zum herannahenden Sommer hat Dirk Darmstaedter ein neues, der jahreszeitlichen Stimmung entsprechendes Album veröffentlicht. Beautiful Criminals durchwandert in von ihm gewohnt leichtfüßigen Variationen popmusikalische Trampelpfade. War das anschaulich oder doch eher verwirrend formuliert? Wir wollen schließlich eben jene nicht stiften, aber auch nicht nüchtern vom Album von vorne bis hinten berichten. Vielmehr sehen wir uns in der Verantwortung, das ideale 'Setting' für den Genuss zu liefern. Es sollte auf jeden Fall warm genug sein, sagen wir mal 25 Grad. Sonnenbrille, Liegestuhl und kühles, nichtalkoholisches Getränk sind angemessen, auch wenn das Werk keinen ausgemachten Fokus auf Happy-Pop legt, sondern vor allem textliche Melancholie mit allzu viel Schwermut vermeidender Musik kombiniert. Strand wäre deswegen auch maßlos übertrieben, vielleicht eher Balkon oder lauschiger Park.

So ein bisschen erinnert das alles an ca. 25 Jahre alte The Jazz Butcher-Alben, was durchaus nichts schlechtes ist. Es werden kaum grundsätzliche, weltbewegene Fragen verhandelt (das letzte Lied durchbricht das Schema), sondern eher kleine Nebenschauplätze des Erinnerungsvermögens beleuchtet. Dabei ergießt sich öfter mal ein Hauch Pathos, aber noch im völlig akzeptablen Maße, vielleicht 1/1000 Adele. Vereinzelt sind auch Bombastversuche angedeutet, die aber zum Glück nicht wirklich vollstreckt werden. Die Alltagsgeschichten und Erinnerungen sind eher getragen von einer permanenten Andeutung von Abenteuer, die mitunter nicht den Eindruck macht zu den Texten zu gehören, sobald diese mal nüchtern betrachtet werden. Das ist aber als Dirk Darmstaedter-Stilmittel nicht verwunderlich und auch nicht irritierend, sondern holt aus den Ideen mehr raus als das, was der/die gemeine Singer-/Songwriter*in finden würde.

Weil es als Vorabsingle gewählt wurde, möchten wir ein Lied doch namentlich erwähnen - 'Summer Camp Girls', eine etwas vergilbte Erinnerung an die Jugendzeit. Sagen wir mal so, es hat immer einen gewissen Creepyfaktor, wenn Männer mittleren Alters über 'Mädchen' singen. Als ein Stück WEIT entfernte Erinnerung geht es aber in Ordnung, und die männliche Midlife-Crisis braucht schließlich auch ihren Soundtrack. Fürs Album ist das Lied recht repräsentativ. Wer also mehr davon möchte, sollte dem Herrn Darmstaedter seine Tonträger abkaufen.




Alle Infos zum Album und dazugehöriger Tour unter www.dirkdarmstaedter.com

Montag, 29. Februar 2016

Kitty Hoff - Plot Point Sieben

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Bei Jazz und Chanson wagen wir uns auf bei der Tante Pop selten betretenes Terrain, bar des gebotenen Fachvokabulars. Aber, hinterm ausgelatschten Pfad des eigenen Musikhorizonts geht es natürlich weiter, wie schon der Lindenberg einst sang, also sinngemäß.

Im Grunde ist alles Pop, und aus der Perspektive schauen wir mal auf das neue Kitty Hoff-Album Point Plot Sieben (Spoiler: „42“ und „Drehbuchkonzept“ sind die Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Albumtitels).

Für die Band um Kitty Hoff gilt bezüglich des musikalischen Horizonts ähnliches – 'Was ich will (Oumpa 2)' steht kurz davor eine 1a Diskonummer zu sein. Eigentlich fehlt nur noch die sphärische Stimme im 70er Stil (liebe Remixer*innen…). Musikalisch ist die Bemühung um Abwechslung hörbar, denn in den 48 Minuten sind ausgedehnte Instrumentalteile, aber auch geraffte Momente zu hören. Es hält sich zwischen den präsenten Bläsern, Rasseln, Piano und Orgeln gut die Waage. Shuffle-Menschen entginge (wie so oft) ein Album, das als solches am Stück erhört werden sollte.

Inhaltlich bewegen sich die Texte zum Beispiel im dankbaren Feld der Zweisamkeit. Mal irreparabel gestört ('Konjunktiv'), mal glücklich verklebt ('Zusammen'). In 'BonnieundClyde' folgt die beim Titel erwartbare heroische Pärchenfluchtfantasie, die in der ersten Strophe ganz putzig mit einem der schwerwiegensten Verbrechen beginnt, nämlich dem Schwarzfahren.

Wer sich unter anderem 'Jazz' als ein musikalisches Label aufdrückt, und dann auch noch mit 'Jetzt oder nie' auf die in diesem Feld gern als 'Jazz oder nie' genutzte Bezeichung für Jamsessions anspielt, läuft akut Gefahr der Muffigkeit bezichtigt zu werden. Das so betitelte Lied über bleiernden Stillstand und dem Wunsch nach Aufbruch entgeht der Falle zum Glück.
„Jetzt oder nie, Herz und Mund und Tat und Leben, ab morgen wird’s von mir ein nagelneues Update geben. Ja!“
Antipodisch dazu verhält sich 'Wo nichts ist', das sich der Apathie verschrieben hat.
„Je suis plongée dans la prairie, in perfekter Apathie.
Ohne Texte und Tamtan, niemand rennt und nichts kommt an.
Tief im Vakuum der Zeit und zu keinenm Sprung bereit.“
Und wiederum passend dazu nörgelt 'Richtig und falsch' über die doofen doofen Wahlmöglichkeiten im Leben. Weg damit. Wozu gibt es Maschinen? Die sollen entscheiden. Halt, Moment. Das machen sie ja bereits im erheblichen Maße für uns, Stichwort 'Filterblase'. Die hätte als zusätzliche Strophe ganz gut in 'Was ist dran' gepasst, ein Lied über die von uns allen geteilte Verwirrung ob der sozialen Medien und ihre Wirkung auf unser Miteinander.
„Surfen ist schön zwischen Bloggertürmen und Fäkalienstürmen.
Wir können es seh'n: das Ganze ist die Freiheit pur ohne Gesetz und Treueschwur.
Wählen ist schon zwischen Profilegsichtern und neuen Liebeslichtern.
Wir woll'n es seh'n wie einen großen Märchenwald, doch werden wir so langsam alt…
Was ist dran an all den Netzten, in die wir selbstverständlich fall'n, denn wir woll'n Teil sein von uns allen.
Was kommt dann nach Fallgesetzen, wenn wenn wir am Ende einsam sind?“
In diesem Sinne mit Peter Lustig: „Und jetzt: Abschalten!“

(Ok, das Album kann gerne noch eine Runde drehen…)



Dienstag, 2. Februar 2016

Ashia Bison Rouge – Odɘr

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Für Konzeptalben gilt mehr als für jedwede andere Gattung: Geschmackssache. Solche Versuche können ordentlich in die Hose gehen. Ashia Bison Rouge legt allerdings eine gelungene Variante vor. Genauer gesagt heißt das Konzept 'Oder'. Richtig, der Fluss.

Ihm folgt das Album von der Quelle bis zur Ostsee. Ashia Bison Rouge erkundet ihre slawischen Wurzeln auf einer Entdeckungstour entlang des Laufes. Das Spannende an dieser Stunde musikalischer Flussfahrt ist die Uneinortenbarkeit in ein Genre. Mit einem Cello als Soloinstrument, oft begleitet durch eine Violine, verfällt das Album an einigen Stellen in Kammermusik. Die eindringliche, markante Stimme gibt dem ganzen Werk aber einen entgegengesetzten Dreh, der es auch wieder Pop, Folk, oder Blues, oder alles gleichzeitig sein lassen kann. Im Grunde ist es natürlich völlig unwichtig, denn was bei Konzeptalben zählt ist die Konsistenz. Es kann guten Gewissens gesagt werden, dass der Flusslauf an den Liedern nachvollziehbar ist. Gemeinerweise sind die Klischeebilder der Gegend in vielen Köpfen wohl die von einem äußerst dünn besiedelten Landstrich, dessen spärliche Besiedlung vor allem aus trotzigen und möglicherweise schrullig konservativen Einheimischen besteht. Solche Klischees müssen unterminiert werden, denn wer sich nicht auskennt, hat nichts zu melden. Zwar lässt das Album eben jene Vorurteile nicht unbedingt zu, doch mutet die bisweilen sehr getragene Vertonung nostalgisch an, entrückt von einer modernen, immer schneller rotierenden Welt.



Überhaupt, 'getragen' scheint ein angemessenes Wort zu sein. Auf dem Ganzen liegt eine Schwere, viel Moll, das nur an wenigen Stelle durchbrochen wird, beispielsweise wenn unvermittelt eine Ukulele einsetzt. Schon das zweite Lied 'Dig in Our Roots' klingt äußerst bedrohlich, als sollte hier ein Drama erzählt werden. Diese Stimmung dominiert das Album, unterbrochen von eher helleren Minuten wie 'We Travelled Above' oder das auffällig ukulelenlastige und sirenengesangsartige 'My Rock', in dem die Sirenengesänge des nahen Berlin sie in ihre Fänge, ins „dunkle, trübe Berliner Gewässer“ lotsen. Und, es funktioniert, die Sirenen gewinnen. Das Lied 'Villa Rixdorf' beweist es, und Rixdorf ist Teil von Neukölln, und das liegt nun wirklich nicht an der Oder. Die im Lied aufdringliche Ukulele passt ganz gut zu Berlin, denn hier gibt es jede Menge aufdringliche Ukulelen (was aber ganz schön ist). Die Reise hat mit 'Open Page' ein offenes Ende - und ein recht pathetisches. Es ist das Bild der unbeschriebenen Seite im Herzen, die bereit ist noch gefüllt zu werden.

Welches Werk erscheint vorm geistigen Auge, wenn an das Konzept 'vertonte slawische Flussfahrt' gedacht wird? Genau, und deswegen lassen wir einfach Bedřich Smetana zu Wort kommen, wie er selbst 'Die Moldau' kommentiert:
„Die Komposition schildert den Lauf der Moldau, angefangen bei den beiden kleinen Quellen, der kalten und der warmen Moldau, über die Vereinigung der beiden Bächlein zu einem Fluss, den Lauf der Moldau durch Wälder und Fluren, durch Landschaften, wo gerade eine Bauernhochzeit gefeiert wird, beim nächtlichen Mondschein tanzen die Nymphen ihren Reigen. Auf den nahen Felsen ragen stolze Burgen, Schlösser und Ruinen empor. Die Moldau wirbelt in den Johannisstromschnellen; im breiten Zug fließt sie weiter gegen Prag, am Vyšehrad vorbei, und in majestätischem Lauf entschwindet sie in der Ferne schließlich in der Elbe.“ - Wikipedia zu 'Die Moldau'
Ungefähr so, mit anderem Flussnamen und anderen Städten, hätte diese Albumzusammenfassung auch formuliert werden können. Wer Cellos, Violinen, eine ausdrucksstarke Stimme und Wasser mag, ist hier richtig und sollte Odɘr erwerben.

Alle Infos unter ashiabisonrouge.com


Dienstag, 19. Januar 2016

Dota - Keine Gefahr

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Man braucht keinen neuen Lieder mehr, Funny hat alle geschrieben.
Nur dieses eine hier ist für mich übrig geblieben.
- Spiegel der Zeit
Der Versuch über dieses Album zu schreiben muss wohl fast zwangsläufig mit diesem Textzitat verbunden sein. Das Zitat erscheint auf den ersten Blick deplatziert, ist es doch eingebettet in fast 20 (je nach Auslegung des Begriffes) neue Lieder.
Andererseits ergibt alles sehr viel Sinn, denn viele langjährig aktive Liedtexter*innen benennen die Suche nach immer neuen Themen als mühevollste Aufgabe. Das Feld neuer Musikvariationen ist hingegen trotz der nur 12 verschiedenen Töne schier unerschöpflich.
Grob unterteilt sind alle Themengebiete nach ein paar Alben abgegrast. Es bleibt nur ins Detail zu gehen, die ein oder andere Lücke zu schließen, ein gelungenes Konzept weiter zu entwickeln, und natürlich bei der Musik mehr zu experimentieren. Alles das macht die Band, und es steht ihr gut.

Nachdem das letzte Album eher subtiler gestrickt war, wird auf Keine Gefahr das glasklare Statement nicht gescheut. Kein (mir bekanntes) Lied der letzten Jahre bringt die Diskussion um flüchtende Menschen so sehr auf den Punkt wie 'Grenzen'. Diese oft eher umständlich formulierbare humanistische Haltung wird auf gut vier Minuten verdichtet.
Jeder Übergriff, jeder Schlag verletzt ein Menschenrecht.
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?

Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, aber zwischen den Menschen.
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen.
Keine Gefahr möchte alles sein. Das musikalische Experiment, zu hören in den erstaunlich elektronischen Tönen vom tollen 'Die Diebe'. Aber auch ihr alter Hit 'Ohrsteckermädchen' findet mit 'Rennrad' eine würdige Fortsetzung.
Da geht er hin mit seiner Schnalle, sie passt sehr gut zu ihm.
Im Falle einer Trennung der beiden möcht ich wetten, sie bleiben jeder nicht lang allein.
Nur für mich bleibt alles beim Alten.
Und ich kann die Katze behalten.
Doch vielleicht kauf ich mir ein Rennrad und zieh in den Süden.
Vielleicht wird da was draus!
Denn es dort rum zu schieben sieht sehr gut aus.
'Vergiftet' glänzt ebenfalls mit elektronischem Antlitz, und ist nur folgerichtig ob der fast jährlichen Teilnahme der Band an der großen 'Wir haben es satt'-Demo in Berlin. Das Lied kann gerne der neue Demo-Soundtrack sein.



Der Rest des Albums ist eher zurückhaltend und introvertiert. Der schweigsame Mensch wird in 'Stille Wasser' sogar direkt thematisiert. Auch wenn wir das Geheimnis vielleicht garnicht verraten sollten, aber es versteckt sich noch ein Lied am Ende des Albums, das für Menschen bis zu einem Alter von sagen wir mal sechs Jahren möglicherweise etwas gruselig ist. Die Musik könnte von Tom Waits stammen, das haben sie wirklich grandios umgesetzt.

Zum Album gibt es in der Limited Edition noch eine Bonus-CD mit vier Liedern, die wohl als B-Seiten zu verstehen sind. Es sind einige der Songskizzen, die Dota oft bei ihren Konzerten spontan einfügt, nur das ihnen auf der CD Anfang, Ende und durchdachte musikalische Bandbegleitung beigefügt wurden. Der Rezensent möchte kundtun, dass unter diesen Liedern einer seiner absoluten Dota-Lieblinge ist, und er sich sehr sehr freut dieses Lied endlich auf Tonträger zu besitzen. Es geht um 'Wahrscheinlich', ein wundervolles Lied über die unbegründete Hoffnung.
Ich will keine Beweise, niemals Beweise
Denn köstlich ist es zu denken:
Wahrscheinlich ist dein Akku leer gewesen[...]

Wahrscheinlich war da was im Wein
Wahrscheinlich sieht es anders aus in anderem Licht
Wahrscheinlich, wobei, wahrscheinlich nicht. […]

Eventuell geschieht die Zukunft
Voll von Dingen, an die ich jetzt so gerne denke
Und eventuell geschieht sie nicht
Aber wahrscheinlich sind unsere Fehler harmlos und verzeihlich
Wahrscheinlich hätten wir uns ohnehin verloren
Wahrscheinlich.
Geht es noch weiter? Ja. Wer die Limited Deluxe Edition ersteht, findet außerdem ein Live-Album in der Hülle. 20 Lieder, mal alte Hits, mal aktuellere Hits, und sogar die erwähnten kleinen Liedskizzen. Dazu gehören der mittlerweile kleine (und erstaunlich autobiografische) Hit 'Bald fang ich wieder an', sowie 'Geld' mit der Punchline „Geld verdirbt den Charakter“.

Für audiophile Menschen ist der Rest geeignet, denn es gab zwar schon sehr gute, aber noch nie so gute Liveaufnahmen der Band. Lieder wie 'Sommer', 'Licht' und 'Hoch oben' sind ihren Studiopendants voraus.

Wir fassen zusammen. In der Standard-Version ist es ein schönes, abwechslungsreiches Dota-Album mit elektronischen Highlights. Mit der Limited Edition kommen noch vier Lieder extra, von denen mindestens 'Wahrscheinlich' ein wunderbares Kleinod ist. Die Investition in die noch luxuriösere Limited Deluxe Edition lohnt sich aber auch, denn das Live-Album ist mitunter das beste der Band (wobei Das Große Leuchten auch schon ziemlich sehr gut war).
Ich bin mir deiner nicht gewiss
Und war es eigentlich nie
Das ist gut so
Oder jedenfalls gut so in der Theorie
- Stille Wasser

Dienstag, 12. Januar 2016

Falscher Ort Falsche Zeit - Power Pop & Mod Sounds from Germany, Austria & Switzerland 1980-1990

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Vielleicht, vielleicht hätte alles ganz anders kommen können. Berühmt wie Nena und Die Ärzte, oder wenigstens halbberühmt wie Andreas Dorau, das hätten sie vielleicht sein können. Daraus wurde nichts, und jedes der Lieder scheint auch seine eigene Antwort auf die Frage zu geben, warum es in den meisten Fällen im Vergessen enden musste. Damit ist nicht die Qualität der Ideen gemeint, ganz im Gegenteil. Die Werke sind großartig, jugendlich energiegeladen, hoffnungslos optimistisch und leben den Moment. Twenty-something heißt dieses hibbelige Alter heutzutage, und genau das ist zu hören. Umso härter traf es wohl viele Protagonist*innen, als es nicht vorwärts ging. Das trifft aber nicht auf alle zu, an der Stelle ist die Compilation nur so mäßig konsistent.

Bernd Begemann hatte nie den Mainstream-Erfolg, aber er ist immernoch da und immer auf einem neuen Zenit, mit jedem Album und mit jedem Konzert. In 'Die Nacht, die niemand haben wollte' von 1985 wird sein späterer, wundervoller Kosmos allerdings nur hauchdünn angedeutet. Peter Hein ist nun wahrlich nicht unbekannt, auch wenn Family 5 völlig zu unrecht von der Zeit etwas vergessen wurde. Die Mobylettes sind Gegenwart, und mag auch das hier zu hörende schrammelige Cover 'Da Doo Ron Ron' wahnsinnig sympathisch und tanzbar sein – sie haben seitdem eine bemerkenswerte musikalische Entwicklung genommen.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Rüttel mal am Käfig, die Affen soll was machen!

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Der Albumtitel gewinnt den Preis 'Bester Albumtitel des Jahres 2016'. Damit könnte die Rezension and dieser Stelle beendet sein, aber es findet sich auch noch gute Musik auf dem Tonträger. Nun ist es kein Geheimnis, dass schon Superpunk, und in der direkten Erbnachfolge auch Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen berechenbar ob ihrer Veröffentlichungen waren und sind. Diesen Umstand galt es immer zu akzeptieren und ja, bei jenen Bands auch zu lieben (es fühlt sich beunruhigend konservativ an das zu schreiben, aber bei all der eingeforderten Progressivität bei anderen Kunstschaffenden ist der gepflegte Status Quo als Ausnahme auch eine Erholung). Und es ist auch deswegen erholsam, weil es keine Enttäuschungen gibt. Wie immer soult, rockt und punkt sich ein Gentlemen-Album durch seine überschaubare Spielzeit, inklusive dem obligatorischen Instrumental und allerlei Wissenwertes.

Samstag, 12. Dezember 2015

Berlin Songs Vol. 4

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Es darf nicht dem Trugschluss aufgesessen werden, dass es sich bei der Berlin Songs-Serie um eine in sich wälzende, lokalpatriotische Liedersammlung zur postulierten Hippness von Berlin handelt.

Vielmehr wurden in der mittlerweile vierten Ausgabe der Serie Lieder kompiliert, die sich von brachial bis subtil der Stadt annehmen, oder sie auch nur streifen. Oder sie sind sogar so subtil, dass der Berlin-Bezug eher die Künstler*innen-Biografien berührt als ihre Lieder.

Als Jünger des Anti-Folk und Artverwandtem kommen wir ganz besonders auf unsere Kosten, sei es Toby Goodshanks 'The Tom Green County Fair', Phoebe Kreutz' 'Everybody likes' oder Sorry Gilbertos 'Oslo song'. Schon seit dem Erscheinen 2013 finden wir das Le Horror Me-Werk 'The Barcade Song' in der The Burning Hell-Coverversion ganz groß, da erfreut es das schöne Kleinod an dieser Stelle wieder zu entdecken. Aber selbst wer sich gut auskennt im Metier, wird reichlich Neuentdeckungen machen können. Dafür sorgen schon diverse bislang unveröffentlichte Stücke. 'Coffee Love' von Martha Rose ist ein schönes Beispiel, und ganz besonders das Lied 'Mutantenstadt' aus der Feder von Jakob Dobler und Noel Rademacher. Wundervoll.

Ein kleiner Blick in die Zukunft wird bei Masha Qrella geboten, die 'Keys' von ihrem 2016er Album beigesteuert hat, auf das wir uns auch schon freuen.
Die Sammlung legt mit einer Spanne bei den Veröffentlichungsjahren der einzelnen Stücke von sieben Jahren keinen übersteigerten Wert auf Aktualität, aber wozu auch? Es ist einfach zu schön nach 24 Liedern vom 2010er Christiane Rösinger Hit 'Berlin' entlassen zu werden. Diese Stadt klingt oft genug scheiße. Das übertönt Berlin Songs Vol. 4 ganz wunderbar.

Das gute Stück (und auch die anderen Ausgaben der Serie) kann bei berlinsongs.com bestellt werden.

Donnerstag, 5. November 2015

Xania - All Alone Together

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Ja, auch wir frönen ab und an der Rapmusik. Und in seltenen Fällen erwägen wir sogar gänzlich elektronisch erzeugte Laute als Musik zu bezeichnen. Sollte beides zusammentreffen, ist es wohl wieder an der Zeit für die Vorstellung eines Albums von Xania.

Im Jahr 2013 veröffentlichte die Rapperin und Stepperin, auch bekannt als eine Hälfte der in Berlin von 2006 bis 2012 äußerst umtriebigen Band Trike, ihr erstes Soloalbum – wir berichteten. Es folgt nun, und das mag nicht sehr überraschen, Album Nummer zwei.

Mittwoch, 4. November 2015

Bernd Begemann & Die Befreiung - Eine kurze Liste mit Forderungen

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Es nährt Befürchtungen, wenn Musikschaffende vier Jahre lang kein neues Album zustande bringen. Sind sie am Ende ihrer Kreativität? Gibt es nichts mehr zu sagen? Bernd Begemann & Die Befreiung scheinen es glücklicherweise nur aufgestaut zu haben, sodass uns das neue Album Eine kurze Liste mit Forderungen mit 28 Liedern in gut 79 Minuten etwas überfordert. In einer Zeit, in der die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf sechs Vine-Sekunden zusammengeschrumpft ist, mag dieses Opus summum für weite Teile der Bevölkerung schwer verdaulich sein. Es ist nicht nur der beachtliche Umfang (des Albums!), der für Schwierigkeiten sorgt, sondern auch Herrn Begemanns Kraut und Rüben-Liedersammlung. Er gönnt dem Publikum keinen roten Faden, keine instrumentale Verschnaufpause und kaum ein Lied, das mal eben ganz nebenbei laufen kann und trotzdem verstanden wird. Wer seinen Schlager lieber schlicht und hip mag, ist mit Wanda besser bedient.

Montag, 26. Oktober 2015

Israel Nash - Israel Nash's Silver Season

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Eine Obsession zu entwickeln ist in der Regel nicht von Vorteil. In Folge prokrastrinierender Nächte ist es recht einfach, eine Obsession für Tiervideos zu entwickeln. Oder für sonstige Absurditäten dieses wunderbar seltsamen Internets. Nun aber gilt es ein Plädoyer für eine Obsession zu halten. Denn Israel Nash hat mit 'Israel Nash's Silver Season' nicht nur eines der besten und tollsten und wichtigsten Alben überhaupt geschaffen: es ist auch recht einfach, eine Obsession dafür zu entwickeln. Diese wiederum macht verdammt viel Spaß. Da soll die Vernunft bitte kurz ruhig sein.


Donnerstag, 1. Oktober 2015

Masha Potempa - Rauchschwalben am Horizont EP

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Mash Potempa - Rauchschwalben am Horizont EP (VÖ 23.10.2015)

Wir verdanken der SAGO-Schule außerordentlich viel freigesetztes Potential lyrischer Schaffenskraft in deutschsprachigen Liedtexten. In den Seminaren wird an Möglichkeiten geforscht, nicht nur Musik, sondern auch das Texten nach Regeln erlernbar zu machen. So ganz falsch kann der Gedanke vom leider 2015 verstorbenen Gründer Christof Stählin nicht sein, denn Namen wie Uta Köbernick, Sebastian Krämer, Judith Holofernes, Danny Dziuk und Dota stehen für eine sonst kaum erreichte lyrische Qualität. Und unter uns, werden zum Beispiel die genannten Künstler*innen bunt durcheinander gemischt gehört, sind Parallelen unverkennbar, ohne es von außen ganz konkret als Regelwerk beschreiben zu können.

In dieser Reihe folgt ein Name, der noch recht frisch auf Teilnahmelisten von SongSlams und Kleinkunstbühnen auftaucht: Masha Potempa. Sie fügt sich ebenfalls prima in den genannten Mix, auch wenn sie im Gegensatz zu den meisten anderen weniger die Pointe sucht, sondern mehr den poetischen Aspekt in Liedtexten. Weil sie noch recht am Anfang ihres Schaffens steht, hat sie erst seit 2015 ihr erstes Soloprogramm, und konsequenterweise folgt nun der erste Tonträger.

Mittwoch, 23. September 2015

Hazmat Modine – Extra-Deluxe-Supreme

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Hazmat Modine - Extra-Deluxe-Supreme

Als Fans von Rachelle Garniez mussten wir fast zwangsläufig auf die Fabelhaftigkeit von Hazmat Modine hingewiesen werden. In diesem Oktett wirkt sie allerdings vornehmlich am Akkordeon und gesanglich begleitend. Die Rolle des Orchesterleiters hat Wade Schuman inne, ein Mann mit sowohl kompositorisch als auch stimmlich dezenten Ähnlichkeiten zum großen Tom Waits (auch wenn zu deutlicheren Übereinstimmungen noch jede Menge ungefilterte Zigaretten und Whisky von Nöten wären). Es ist nur ein vager Vergleich, aber sicherlich ist wohl niemand deswegen beleidigt.

Ihr 2015er Album erhielt den bescheidenen Namen Extra-Deluxe-Supreme, was eine Extra-Deluxe-Supreme-Tonträgerausgabe naheliegend erscheinen lassen würde. Vielleicht wird das eines Tages folgen, wer weiß. Allgemein sei angemerkt, dass als Grundvoraussetzung für den Genuss des Albums eine prinzipiell Mundharmonika-freundliche Einstellung vorherrschen sollte. Ist das der Fall, werden über 50 Minuten feinste Arrangements geboten, stets getragen durch reichlich Blechbläser und dem Gehörgang schmeichelnde Gesangsharmonien. Musikalisch quietscht und trötet sich das Ensemble ziemlich breit gefächert durchs Blumenbeet diverser Blues/Pop/Reggae-Varianten, und als i-Tüpfelchen wird es in zwei Liedern ergänzt um ALASH, einem tuwinischen (ja, es ist nicht blamabel wenn das jetzt gegoogelt wird) Fidel-Flöte-Banjo-Kehlkopfgesangstrio.

Sonntag, 30. August 2015

Dorothy Bird - falling awake EP

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Dorothy Bird - falling awake EP (VÖ 6.9.2015)

Oft sinnieren wir über Musik, die live eher stehend genießbar ist. In diesem Fall sollte sich die lauschende Person aber lieber ein gemütliches Sofa und ein Glas Rotwein (oder wenigstens Traubensaft) suchen, denn es wird musikalisch kuschelig. Aus dem Reigen der (noch) kleinen, unbekannten Entdeckungen aus Berlin stammt Dorothy Bird, eine Band um Sängerin Julia Fiebelkorn. In ihrem noch recht frischen Bandprojekt wirkt sie nicht nur am Gesang, sondern hat sowohl sämtliche Texte als auch die Musik zu verantworten.

Zum Glück wurde das in Berlin seit 2014 live dargebotene Repertoire jetzt zumindest teilweise auf Tonband gebannt, wie wir gefühlt älteren Menschen sagen. In Wirklichkeit reden wir natürlich über eine digitale Veröffentlichung, auch wenn sich die Musik auf Schallplatte vielleicht sogar noch mehr zu Hause fühlen würde. Aber das mag noch kommen in der Zukunft, wer weiß.

Freitag, 14. August 2015

Nikki Forova - White Dandelions

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Nikki Forova - White Dandelions (VÖ 11.09.2015)

Aus Respekt vor dem individuellen künstlerischen Schaffen ist es immer etwas blöd die Formulierung „klingt wie...“ zu nutzen, und das wollen wir uns auch bei Nikki Forova auf die Fahnen schreiben. Aber unter uns, der Regina Spektor-Vergleich liegt einfach sowas von auf der Hand. So, jetzt haben wir den Namen einmal erwähnt, und dieses mäßig liebevolle Werkzeug der gewöhnlichen Albumrezension kommt wieder in den Werkzeugkasten.

Freitag, 10. Juli 2015

Funkelnagelneu: Staatsakt Sampler - 10 Euro Songs - 10 Euro Lieder

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Geld - 10€ (VÖ 2002 | ReRelease 2014) Quelle: EZB

In der Hochzeit neoliberaler Arschgeigen sind künstlerische Statements immer irgendwie hilflose Trotzreaktionen, aber eben auch wohltuende Bestätigungen von anderen Menschen, die das ganze Treiben für genauso verachtenswert halten wie man selbst.

Diese Demosammlung von Staatsakt zur zynischen 10-Euro-Selfie-Kampagne der EZB letztes Jahr ist wunderbar gelungen und auf den Punkt.
"Du weißt, wir müssten jetzt an dieser Stelle mit Dir über Griechenland reden, über den Grexit, Varoufakis, die sogenannte Troika und den ganzen Rest.
Jetzt, da Du also nicht nur bei Überweisungs- oder Barzahlungsvorgängen vollständig in das Zentrum unserer Existenz vorgedrungen bist, sondern wirklich bis in die letzte Ritze unseres Seins, haben wir uns - wir schreiben den 07.07.2015 – nochmal gründlich umentschieden!

Wir wollen Dir also hiermit diese fünf, unserer Meinung nach interessantesten "10 Euro Songs" aus unserer Ausschreibung vorspielen. Bitte berücksichtige: Es sind allesamt mehr oder weniger unfertige Demo-Versionen!
Im etwa gleichem Zustand, in dem wir gerade die komplette europäische (Währungs-)Union, die europäische Zentralbank und alle anderen verantwortlichen Institutionen vorzufinden glauben: In einem Zustand der Improvisation, in dem man trotz aller offensichtlichen Fragezeichen, keinesfalls seine Souveränität verlieren darf, die man schon lange verloren hat!

Wir wollen Dich mit dieser zugegeben extrem verspäteten Aktion an Deinen Hochmut aus dem Oktober 2014 erinnern, als Du uns noch stolz und souverän in den sozialen Medien den neuen 10-Euro-Schein vor die Nase hieltest, als habe die kleine Maria gerade ihre Erst-Kommunion hinter sich gebracht, oder Tante Erna ihren 70. Geburtstag!" - Staatsakt via Soundcloud
Ein gewisser Fink Sparkler hat eine besonders schöne Antwort gegeben. Wir strengen uns jetzt auch weiter an...