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Mittwoch, 6. Juli 2011

Kleinode deutschsprachiger Musik (10): Bernd Begemann - Deutsche Hymne ohne Refrain (1993)

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In einer losen Serie stelle ich Werke vor, die vordergründig eines gemeinsam haben: Sie wurden in deutscher Sprache verfasst. Das alleine ist natürlich keinerlei Qualitätskriterium. Nein, mich interessiert ein kreativer Umgang mit selbiger.

Bernd Begemann © intro.de 
Den Themen "Kleinstadt" und "deutsches Spießerleben" wurde sich musikalisch schon mannigfaltig genähert, man denke nur an 'Freiburg' von Tocotronic. Bernd Begemann hat es geschafft die Kleinstadt(schein)idylle perfekt auf den Punkt zu bringen. Es ist ganz egal um welche Stadt es geht - es gibt unzählige davon in diesem Land, und sie sind im Grunde alle gleich.

Bernd Begemann selbst wuchs in Bad Salzuflen auf. Eine Stadt, die zum Lied ebenfalls wie Arsch auf Eimer passt. Ganz ähnlich wie das von ihm Bad Salzuflen direkt gewidmete Werk Bad Salzuflen weltweit beschreibt es Schein und Sein in Orten, in denen man sich kennt und deshalb Fassaden glücklichen Lebens ausziehen muss, um die ganzen Abgründe verstecken zu können.
Es sind Städte, wo man als Jugendlicher nichts aufregendes erleben kann, wo einem überall Grenzen gesetzt werden und wo man sich vor allem endlos langweilt. Das alles, die Langeweile und die Dramen, müssen unter allen Umständen mit einer heilen Scheinwelt vertuscht werden - selbst wenn viele daran zerbrechen und ein falsches Leben im falschen leben.

All das umfasst dieses Lied. Es ist eine derart feine Beobachtung - ich halte es für eine sehr kluge soziologische Studie des Ich-Erzählers, der erkennt, was falsch läuft, aber über die Frage 'warum?' nicht hinaus kommt. Er zieht keine Konsequenz, sondern beschränkt sich auf die Beschreibung der Verzweiflung.
Unsre Stadt ist weder groß noch klein
Wir haben ein Kino, ein paar Banken,

ein paar Eisenbahnschranken
So gemütlich, so gemein
Und stumme Tränen, stummer Haß,

davon erfährt niemand was
Und unsre Fußgängerzone ist so sauber,

man kann fast drin wohnen
Wir machen Witze und wir sitzen rum
Bloß manchmal bleib ich stumm,

weil es mir vorkommt wie ein Gefängnis
Doch wann ist die Strafe um?

Der Wind in unserer Siedlung

hat seinen eigenen Geruch,
man kann ihn lesen wie ein Buch
Es riecht nach gewaschenen Autos,

nach Bratkartoffeln und enttäuschter Hoffnung
Nach frisch ausgepackten Möbeln

und nach sexuellen Tragödien
Mein Gott, bin ich wirklich hier
Gestern fand ich keine Spur von mir,

bloß Container für mein Altpapier

Heut Nacht lieg ich wach
Und Deutschland dröhnt und droht,

Deutschland stöhnt und schont
Niemand, der es bewohnt
Vielleicht sollte ich raus vor die Tür

und etwas spazieren
Vielleicht zur alten Bundesstraße
Dort, wo der Wald beginnt,

nach den Hochspannungsmasten
Dort wil ich heut nacht sein
In der Dunkelheit, ganz allein
Dort muß man tasten durch das nasse Gras
Und der Wind aus unsrer Siedlung wird mich hinauswehn

Über die Dörfer
Über die Städte
Über die schmutzigen Flüsse
Über die zierlichen Bäche
Die häßlichen Straßen und die mächtigen Trassen
Oh, dort will ich heut nacht sein
An den geheimen Orten, wo sich Liebende treffen
Und wo sie sich viel zu viel versprechen
In den stillen Küchen, in den lauten Fabriken,
in den unbeobachteten Augenblicken
Dort will ich sein
Denn ich will dieses Land verstehen
Ich will dieses Land verstehen
Die hier verlinkte Aufnahme ist nicht die von 1993 vom Album Rezession, Baby!, sondern eine Neuaufnahme vom 2009er Best-Album Glanz, eine empfehlenswerte Kollektion von Highlights des Begebernd'schen Schaffens.

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