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Donnerstag, 17. Dezember 2015

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Rüttel mal am Käfig, die Affen soll was machen!

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Der Albumtitel gewinnt den Preis 'Bester Albumtitel des Jahres 2016'. Damit könnte die Rezension and dieser Stelle beendet sein, aber es findet sich auch noch gute Musik auf dem Tonträger. Nun ist es kein Geheimnis, dass schon Superpunk, und in der direkten Erbnachfolge auch Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen berechenbar ob ihrer Veröffentlichungen waren und sind. Diesen Umstand galt es immer zu akzeptieren und ja, bei jenen Bands auch zu lieben (es fühlt sich beunruhigend konservativ an das zu schreiben, aber bei all der eingeforderten Progressivität bei anderen Kunstschaffenden ist der gepflegte Status Quo als Ausnahme auch eine Erholung). Und es ist auch deswegen erholsam, weil es keine Enttäuschungen gibt. Wie immer soult, rockt und punkt sich ein Gentlemen-Album durch seine überschaubare Spielzeit, inklusive dem obligatorischen Instrumental und allerlei Wissenwertes.

Der erste Impuls, zu schreiben, dass das Album einen Hauch ruhiger ist als seine Vorgänger, war nach kurzem Nachhören falsch. Vielleicht kam das auch nur durch den recht souligen Einstieg mit 'Der beste Zechpreller der Welt', ein Lied über zweifelhafte Vorbilder, musikalisch ausgestattet mit schönem Glockenspielanteil. 
Er war ein Phantom in recht feuchter Umgebung.
Den Rahmen des Albums bildet 'Der beste Zechpreller der Welt' zusammen mit dem melancholischen Ende 'Die Kampfbahn im Sonnenschein', das ebenfalls eher unaufgeregt ein Gemenge aus Nostalgie, Fußball und Gentrifizierung besingt. Bernd Begemann, Bandfreund und Albumwaschzettelschreiber, beliebt für gewöhnlich nicht so traurig aber gelassen über die Hamburger Gentrifizierung zu singen. Hier spielen die Künstlerfreunde in ihren fast parallel veröffentlichten Alben guter Bulle, böser Bulle mit Investmentmenschen. Da jene die Lieder aber nie hören werden, ist es eigentlich auch egal.



Dass bei der Sache mit dem Geld Gelassenheit angesagt ist, erzählt uns das fast-Antwortlied 'Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort' auf den Cilla Black-Klassiker 'Work Is A Four-Letter Word'. Im Orginial wird der Boyfriend gemobbt, weil er wohl zu faul ist, um genug Geld für ein Haus ranzuschaffen. Die Schuldfrage bleibt ob der eindimensionalen Erzählperspektive etwas unklar, und so ist es ganz gut die Angelegenheit auch mal aus der anderen Perspektive anzuhören. In ihr wird der alltäglichen Grübelei der Vorzug gegenüber der alltäglichen Plackerei gegeben. Wir lassen das mal so stehen. Zur Versöhnung in Sachen Beziehung wird immerhin ein ganz unschuldiges kleines Liebeslied angeboten. 'Wärst Du nicht hier' moppert ordentlich gegen Hamburg, nur um den im Titel bereits angekündigten Liebesbeweis möglichst aufzublähen. Vielleicht ist Hamburg in Wahrheit garnicht so schlimm. Schon schlimm, aber nicht so schlimm. Eingerissen wird die Romantik schon im folgenden 'Ich bin gut genug für Dich'. Das Bedarf eigentlich keiner Erklärung, und steht in guter Tradition früherer Die Liga/Superpunk-Werke über fragwürdige Komplimente.

Bis hierhin ist schon alles empfehlenswert, aber die Favoriten sind mal wieder die Lieder über wissenswerte Fakten und gescheiterte, tragische Existenzen. Das ist einfach die Königsdisziplin der Band, und ein Alleinstellungsmerkmal ganz besonderer Güte. Eine besungene, gescheiterte Existenz ist allerdings weit weniger unbekannt als bei der Band üblich. Vincent van Gogh wird in 'You Are Great But People Are Shit' besungen. Musikalisch sind wir an dieser Stelle am Punkzenit, und ja, das kommt so schmal dosiert ziemlich gut. Vincent van Gogh wurde freilich schon Jonathan Richman besungen, doch darin kamen keine Zeitmaschinen und kein Größenwahn vor.
Vincent, alter Knabe, ärger dich nicht. Ein verkantes Genie, genau wie ich.
Ok, ein wenig 'verkantes Genie' kann zugestanden werden. Aber was sollen Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen-Platten schon ganz oben in den Charts? Das ist kein schöner Ort für diese rühmliche Kunst. In den Charts interessiert sich auch niemand für Rolf Wütherich. Wer? Ja, das ist genau die Frage in 'Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich)'. Er war der Beifahrer von James Dean im denkbar ungünstigsten Moment, doch im Gegensatz zu ihm überlebte er den Unfall, sah sich fortan aber (zu unrecht) mit Vorwürfen konfrontiert. Der abgehangene Begriff 'Groove' kann für das Lied trotz aller linguistischen Bedenken genutzt werden. Ein wundervolles Stück Popmusik, und dem Rolf hätte es vielleicht auch gefallen. Er ist übrigens 1981 am Steuer seines Autos gestorben, weil er zu schnell und nicht angeschnallt war.

Das Highlight des Album ist aber ein Lied für Tierliebhaber*innen. Besonders für eine, nämlich Elisabeth Svendsen. Sie gab seelisch und körperlich geschundenen Eseln zu tausenden ein wohliges Heim für den Lebensabend. 'Mrs. Svendsens Heim für Esel' ohrwurmt nicht nur in nahezu anstrengender Manier, auch die enthaltene Geschichte ist eine erzählwürdige. Das passiert in den Strophen mit fast als Sprechgesang zu bezeichnenden Zeilen, wohingegen der Refrain überaus freudig arrangiert ist. 
Willst du glückliche Esel sehen, müsstest du nach England gehen. Zwischen grünen Wiesen im Sonnenschein liegt Mrs. Svendsens Eselsheim.
Das Album entlässt die Hörer*innen mit Rolf, Vincent und Mrs Svendsen im Kopf. Und mit der gesteigerten Freude auf das nächste Konzert von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Hoffentlich auch mit Rolf, Vincent und Mrs. Svendsen auf der Setlist.


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