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Donnerstag, 24. November 2011

Show me yours, I'll show you mine - Die Goldenen Zitronen "Das bißchen Totschlag"

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Wir möchten uns gegenseitig Musikvideos ans Herz legen, in der Hoffnung, dass auch unsere Leser vielleicht das ein oder andere Musikvideo entdecken, das ihnen gefällt und sie bis jetzt noch nicht kannten. Denn oft ist es ja so, dass die mitreißendsten Lobeshymnen für ein Musikvideo entstehen, wenn man jemand anderem näher darlegen möchte, warum gerade dieses Video so wundervoll ist.







Schönen Guten Tag!

Tja, der Herr Gotye scheint wirklich ein Talent zu sein. Und er kann mitleiderregende Gesichtsausdrücke machen. Er wird weit kommen. Ich kann auch garnicht glauben, ohne mich mit der Person näher auseinandergesetzt zu haben, dass er wirklich so sehr dem Mainstream zugetan ist. Ich finde es wirkt fälschlicherweise wie ein Lied, was Radiosender mögen. Es ist nämlich nicht nur 'catchy', sondern verwunderlicherweise etwas sperrig zugleich. Ich glaube nicht, dass er viele Kompromisse bezüglich einer hohen Massenkompatibilität gemacht hat. Dafür klingt das alles zu sehr nach mit viele Liebe (auch im inhaltlichen Sinne) gemacht - wo wir auch schon beim Video wären. Das ist sehr hübsch, mit eben erwähnter viel Liebe zum Detail. Dieses Nacktmachen vor der Kamera ist auch schön äquivalent zur verbalen Nacktheit im Text. Ich finde es ausgesprochen mutig solche Texte zu veröffentlichen. Selbst wenn er dazu sagen würde, dass das alles garnichts mit ihm zu tun hätte - die ein oder andere Verflossene würde sich ja vielleicht doch angesprochen fühlen. Andererseits, das würde die besungene Situation nicht ändern, und schlimmer kann es wohl nicht werden.

Mich irritiert, dass es im Video die Rolle der besungenen Ex gibt. Es wirkt so, als ob doch eine Art Kontakt stattfindet, auch wenn sie sich nie in die Augen schauen. Eigentlich müsste sie laut Geschichte ja eher ein Phantom bleiben. Er kann einem im Lied schon wirklich leid tun - das zusammen mit dem Gesichtsausdruck, da steht man auf jeden Fall auf seiner Seite. Selbst wenn sie maßlos enttäuscht ist, so könnte sie wenigstens einen kleinen Schritt über ihren Schatten springen. Ich meine, ich habe nie verstanden warum solche Sachen andauern müssen, aber das liegt auch an der Unfähigkeit nachtragend zu sein - vielleicht wäre es manchmal besser, wer weiß. Es treffen wohl einfach, wie leider so oft, inkompatible Charaktere aufeinander, was man vorher dummerweise nicht wissen kann. Das Lied endet unbefriedigend. Letztendlich muss er sich ihrem Willen unterwerfen. Es ist doch interessant, dass bei solchen Konstellationen oberflächlich betrachtet sie die arme Verlassene ist - das Leiden unter der Situation anschließend aber mindestens gleichermaßen aufgeteilt wird, wenn nicht sogar er noch mehr Opfer des Verhaltens ihrerseits ist. Das Lied stimmt mich traurig. Es beschreibt eine Lose-lose-Situation, die so nicht sein müsste wenn sie nicht so einseitig über sich in der Opferrolle denken würde. Dieses Verhalten führt auch dazu, dass alles zu festgefahren ist als das jemals Gras drüber wachsen kann. Er kann nicht ständig hinterher sein und Kontakt suchen, und sie kann nicht plötzlich nach Jahren ankommen und sagen, och, ok, geht wieder. Schade schade...

So, harter Bruch, für den es keine Überleitung geben kann.

Nazis. Alle paar Wochen wird thematisch eine Sau durchs Dorf getrieben, und aufgrund aktueller Ereignisse stehen ausnahmsweise mal wieder Nazis im Mittelpunkt. Wann geschah das zum letzten Mal? Anfang der 90er, als in Deutschland plötzlich Progrome wieder en vogue waren. Die etablierten Parteien waren 'bestürzt', haben an Lichterketten teilgenommen und gesagt, dass alles ganz ganz schlimm ist und man doch den Rechtsextremismus bekämpfen muss.

Jetzt, knapp 20 Jahre und über 100 durch Nazis ermordete Menschen später wurden die etablierten Parteien wieder aufgeschreckt. Huch, den Rechtsextremismus gibts ja immernoch. Wir dachten, das sei so ein Randphänomen. So ein paar Verrückte, auf jeden Fall keine Terroristen wie die Linken und die Moslems. So, und was macht man dagegen? Alle wollen die NPD verbieten. Welch Wahnsinnsidee. Das will ich an dieser Stelle garnicht im Detail diskutieren, nur soviel - es kotzt mich an wie alle so tun als ob das irgendein Problem mit Rechtsextremen lösen würde. Das ist wie mit den Lichterketten damals, ein Symbolbild, mehr nicht.

Als damals in Rostock, Lichtenhagen und Hoyerswerda die Progrome stattfanden und im gemeinen Volk eine beängstigende Akzeptanz gefunden hatten, fühlten sich Bands aus dem linken Umfeld gezwungen deutlich dagegen Stellung zu nehmen. Besonders Die Goldenen Zitronen, die vorher eher mit viel Witz und Ironie gearbeitet haben, haben komplett umgedacht und sich mit einem starken Bruch neu erfunden. Plötzlich hielt das Intellektuelle in die Texte Einzug. 1994 erschien dann sich in mehreren Liedern schwerpunktmäßig mit den Gewalttaten und ihrem gesellschaftlichen Kontext auseinandersetzende Album Das bißchen Totschlag. Keine andere Band hat es in dieser Phase geschafft so treffend die unerträgliche Akzeptanz in der Bevölkerung bloßzustellen. Das Titelstück ist für mich eines der wichtigsten zum Thema.

Das wirklich erschreckende daran ist, dass dieses Lied von 1994 wirkt als sei es in den letzten Wochen entstanden. Es sind exakt die selben Reaktionen. Erst ignorieren, dann verharmlosen, und wenn es schließlich zu offensichtlich ist gibt es ein paar warme Worte und Symbolaktionen - und dann steht wieder ein anderes Thema an, Hamstergrippe oder so, und alles ist vergessen. So wird es jetzt auch laufen. Es wird keine ernsthaften Konsequenzen geben, weder für Nazis noch für den Verfassungsschutz. Und die die aktiv werden müssen sich erstmal weiter dem Gesinnungstest unterziehen, als ob der Kampf gegen Nazis nicht schon der Beweis einer Gesinnung im Sinne des Gemeinwohls wäre.

Das Video, und darum geht es hier ja letztendlich, steht in einem so krassen Widerspruch zum Lied, dass man sich das wohl mindestens 2x anschauen muss. Einmal dem Lied folgend und einmal dem Video. Es zeigt diese Scheinwelt, in der Nazis einfach nicht existieren. Es ist die Aneinanderreihung verwirrender, vieler komplett nichtssagender Szenen, die das ganze so optisch inhaltslos macht. Die Ästhetik des Videos ist eigentlich die beste, die sie wählen konnten. Es weckt Aufmerksamkeit. Man merkt, dass was an dem Werk so garnicht ins Raster der normalen Wahrnehmung passt - und es harmoniert doch sehr hintergründig mit dem Lied, nämlich dem Original, an dem man sich bedient hat, welches selbst aus Sicht der 70er Jahre schon altbacken, kleinbürgerlich und rückständig wirkt.

Wir können also, so unfassbar traurig das ist, dieses Video dieser Tage wieder aus der Versenkung holen. Man könnte fast weinen, wenn man sich das armselige politische Führungspersonal anschaut. Wieso gibt es keinen Bundespräsidenten, keinen Bundeskanzler, der sich vors Volk und die Politiker stellt und sagt - So geht es nicht weiter, wir müssen grundlegend unser Verhalten bezüglich Rechtsextremismus ändern und kein Demokrat darf mehr wegschauen. - und es auch wirklich so meint. Es gab übrigens bei der diesbezüglichen Debatte im Bundestag genau einen einzigen einigermaßen treffenden Redebeitrag.

P.s. Ich gebe zu, dieses Show me yours ist an Depressivität nicht zu überbieten, aber das musste auch mal sein.

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