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Freitag, 30. März 2012

Kleinode deutschsprachiger Musik (45): Ilse Werner - Mit der letzten Straßenbahn (1943)

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In einer losen Serie stelle ich Werke vor, die vordergründig eines gemeinsam haben: Sie wurden in deutscher Sprache verfasst. Das alleine ist natürlich keinerlei Qualitätskriterium. Nein, mich interessiert ein kreativer Umgang mit selbiger.

Ilse Werner ca. 1942 / ©T. Binz/DHM, Berlin.
Mit freundlicher Genehmigung vom Deutschen Historischen Museum
Es geht um ein Lied aus den 1940ern, nicht gerade ein einfaches Jahrzehnt hierzulande, wie sicherlich bekannt ist. In der Zeit der entarteten Kunst ist das Spektrum an veröffentlichbaren Stücken sehr klein gewesen, sodass man bei Liedern dieser Zeit auf sehr konservative Herangehensweisen in Ausdruck und Inhalt trifft. Wenn es keine Propaganda ist, ist es belangloser Liebesschnulzen-Schmarn.

Auch das Lied 'Mit der letzten Straßenbahn' behandelt das Thema Liebe, doch hat es im Gegensatz zu den meisten anderen Stücken einen wie ich finde ungewöhnlichen Charakter für ein Werk von 1943, denn es ist weder eine Zerstreuungs- noch eine Motivierfunktion deutlich erkennbar. Die Zuhörer werden eher in einer nachdenklichen Stimmung hinterlassen.

In diesem Lied wird die Endzeitstimmung einer Beziehung gekonnt in Szene gesetzt. Allein dieses Bild der letzten Straßenbahn im Dunkeln versetzt den Hörer schon in eine melancholische Lage. Jeder weiß auch direkt nach der ersten Zeile des Liedes welches Thema es behandelt - es wird emotional finster. Die Fahrt führt eben nicht ins später besungene Glück (eine weitere schöne Formulierung für ficken Amusement - da gabs auch schon bei den Comedian Harmonists und Fredy Sieg in dieser Serie bemerkenswerte Synonyme), sondern endet. Und zwar ganz und gar. Eine Situation, wie sie sich vermutlich täglich auch Heute noch in identischer und ähnlicher Form in der Berliner Tram abspielt. Dieser "Hier Endstation!"-Ausruf spricht Bände über die Endgütligkeit der Lage. Dass fortan die BVG mit schuldig am Herzschmerz ist ist absolut legitim, denn die BVG ist prinzipiell an allem Schuld, warum dann nicht auch an der zerbrochenen Beziehung. BUUH BVG!

Letztlich packt dieses Lied so am Gefühlskragen, weil die Situation der bewusst letzten gemeinsamen Handlung in einer Beziehung wohl den meisten Menschen vertraut sein dürfte.

Die Bilder aus dem unten verlinkten Ausschnitt aus einer Dokumentation sind beindruckend, wollen aber nicht so recht mit dem Lied harmonieren, finde ich. Das müssen sie aber auch nicht - gerade der Kontrast erzielt eine beklemmende Wirkung. Und genau dieser Kontrast gehörte zur Lebenswirklichkeit als das Lied erschien. Es ist mir aber nicht möglich mich adäquat in diese Generation herein zu denken. Zu unwirklich sind Bomben, Zerstörung und Hunger.


"Es ist bestimmt schändlich von mir, aber ich finde zur Zeit das Leben schrecklich uninteressant. Man erlebt absolut gar nichts. Gewiss, Dinge von weltgeschichtlicher Bedeutung passieren, aber auf mein kleines Leben hat das (vorläufig wenigstens) absolut keinen reizvollen Einfluss." - Tagebucheintrag von Sabine K., 19 Jahre alt. Berlin, 4. Mai 1945

- aus Wir wollen eine andere Welt - Jugend in Deutschland 1900-2010





Mit der letzten Straßenbahn brachtest du mich gestern Nacht nach Haus
Du sahst mich so seltsam an, das ich fühlte - es ist alles aus.
Und ich suchte immerfort ein passendes Wort, da rief der Schaffner auch schon:
"Hier Endstation!"

Mit der letzten Straßenbahn ging die Reise durch die dunkle Nacht
und mein Herz hat wehgetan, denn ich hab nur immerzu gedacht:
Nie mehr fahren wir zu zweit des Nachts im Sternenschein
mit der letzten Straßenbahn ins Glück hinein.

Heute muss ich öfter weinen wenn ich durch die Straßen geh.
Schuld daran bist du und außerdem auch noch die BVG.
Seh ich Straßenbahnen fahren trübt sich mir sofort der Blick.
Ganz besonders eine Linie mahnt mich an zerbrochenes Glück.

Mit der letzten Straßenbahn brachtest du mich gestern Nacht nach Haus.
Du sahst mich so seltsam an, das ich fühlte - es ist alles aus.
Und ich suchte immerfort ein passendes Wort, da rief der Schaffner auch schon:
"Hier Endstation!"

Mit der letzten Straßenbahn ging die Reise durch die dunkle Nacht
und mein Herz hat wehgetan, denn ich hab nur immerzu gedacht:
Nie mehr fahren wir zu zweit des Nachts im Sternenschein
mit der letzten Straßenbahn ins Glück hinein.

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