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Donnerstag, 19. April 2012

Der elendige Streit ums Urheberrecht - Die GEMA, das Universum und der ganze Rest

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Verhungerte Musiker (Dramatisierung) / Quelle: roteraupe.de, OMP

Ein Gespenst geht um in Europa - so in etwa sollte ich wohl diesen Artikel einleiten. So wie es im großen Rahmen langfristig nur das gemeinsame gesellschaftliche Ziel sein kann, mit dem Primat der Nachhaltigkeit das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus zu vereinen, so muss auch im Urheberrecht ein gesellschaftlich getragener Kompromiss aus sozialistischem und kapitalistischem Herangehen gefunden werden.

Nicht erst seit dem Aufblühen der Piraten ist Urheberrecht ein heißdiskutiertes Thema. Spätestens seit Sven Regeners impulsivem Monolog dröhnen aus allen Ecken Meinungen - das Problem: Es wird meistens Partei ergriffen. So kann man aber kein tragfähiges Modell erschaffen. Ich möchte dafür plädieren, die Interessen aller Beteiligten anzuerkennen und gemeinsam etwas daraus zu machen. Kunst darf kein Luxusgut sein, gerade nicht in einer Gesellschaft, in der die Spaltung zwischen arm und reich rasant voran schreitet. Kunst kann aber auch nicht unentlohnt bleiben, denn dann findet sie nur noch als kostspieliges Hobby statt, was dem Stellenwert von Kunst in unserer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft nicht gerecht wird. Kunst ist ein Grundbedürfnis, genau wie Wasser, Nahrung, Strom und Unterkunft. Ohne Kunst kann der Mensch nur funktionieren, aber ein lebenswertes Leben ist so nicht vorstellbar. Das sieht man schon daran, dass Kunst seit der Steinzeit und in sämtlichen Kulturkreisen stattfand, auch unter widrigsten Umständen. So gut wie heute ging es den Künstlern wohl nie, allerdings geht es in den Industriestaaten allen Menschen so gut wie noch nie. Das zu opfern wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, also muss die Gesellschaft sich Kunst leisten. Das kostet Geld. Bis hierhin besteht in den Diskussionen im Grunde auch Einigkeit; die spannende Frage demnach: Woher kommt das Geld? Eine andere, noch spannendere Frage aber ist: Was ist Kunst? Das weiß niemand so genau, und da liegt für mich die Krux. Kunst ist nicht monetär bezifferbar. Sie erzielt lediglich auf dem mehr oder weniger freien Markt einen bestimmten Preis durch Umstände, die mit der Kunst ansich nicht viel zu tun haben müssen. Wenn aber der Künstler Geschäftsmann/frau sein muss, korrumpiert das zwangsweise die Kunst. Finanzielle Erwägungen sind Gift für die Kreativität, und genau die brauchen wir. Außerdem bedeutet kommerzielle Erfolglosigkeit bewiesenermaßen nicht, dass betreffende Werke verzichtbar wären. Viele Meisterwerke waren finanzielle Desaster zu ihrer Zeit - wir möchten sie heute aber nicht mehr missen.

Welche Möglichkeiten haben wir? Ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz ist das Grundeinkommen. Das ist ein spannender Gedanke, und kurz gesagt, ich wäre auf jeden Fall dafür den Versuch der Umsetzung eines solchen Einkommenssystems zu wagen. Wenn es scheitert, dann scheitert es eben, aber man hat es wenigstens versucht. Wenn ich mir das Auseinanderdriften der Vermögensverhältnisse allein schon innerhalb Deutschlands anschaue, scheint es keine Alternative zu wie auch immer gearteten Umverteilungen zu geben. Eben fiel allerdings schon das Wort 'System'. Da kann einem Niklas Luhmann mit seiner Systemtheorie einfallen. Die ist erschreckend gut, finde ich. Leider besagt sie, dass sich jedes System zum Überleben permanent ausdifferenzieren muss. Beobachtet man die Realität und ein beliebiges System, so scheint das in der Regel zu stimmen. Das schließt dummerweise die Durchführbarkeit einer so radikal vereinfachenden Reform innerhalb des Systems aus. Hm, das ist blöd, aber es ist auch nur eine Theorie und es wäre töricht deswegen nicht trotzdem den Versuch zu wollen, auch gegen ein System, was sich mit aller Macht zur Wehr setzen wird.

Da das eher unter den Begriff 'Utopie' fällt, muss etwas Anderes her, was im Rahmen des herrschenden Urheber-Systems (GEMA) die gewünschte Veränderung bewirken kann. Das bis zum gehtnichtmehr ausdifferenzierte GEMA-System wird jene Ausdifferenzierung nicht freiwillig abgeben, sodass - als Vorschlag zur Güte - dieses beibehalten wird. Die Veränderung könnte die Einrichtung eines Künstler-Grundeinkommens sein.

Die Idee: Die GEMA nimmt weiterhin von Konzerten, Tonträgern, Rohlingen, Handys etc. pp Gebühren ein. Diese Quellen werden wegen ihrer Vielfältigkeit auch nie versiegen und es wird immer ein Batzen Geld im Klingelbeutel sein, egal wieviel 'illegal' runtergeladen wird. Allerdings muss dazu die Berechnung auf den Kopf gestellt werden. Bisher nimmt die GEMA eine schwankende Gesamtsumme pro Jahr ein und verteilt diese irre kompliziert zu berechnenden Abgaben nach einem irre komplizierten Schlüssel an ihre Mitglieder, wobei in der Regel finanziell sehr erfolgreiche Künstler, sowie Schaffende in der klassischen Musik einen Vorteil haben. Nach meinem Vorschlag gibt es ein Künstlergrundeinkommen, von dem es sich einigermaßen leben lässt. Das ist die Berechnungsgrundlage für die Forderungen der GEMA (mit einer Schwankungsgrenze, damit GEMA-Zahler langfristig kalkulieren können). Eingenommen werden muss wenigstens das Geld für das Grundeinkommen. Künstler, die der GEMA überdurchschnittlich viele Einnahmen bescheren, bekommen Aufschläge.

Nach diesen Worten stehen zwei wichtige Fragen im Raum - immernoch: Was ist Kunst? und: Wie motiviert man dann Künstler überhaupt GEMA-pflichtige Kunst zu machen und nicht einfach alles zu verschenken?
Die erste Frage ist nicht zu beantworten, außer von Joseph Beuys (und von der BPjM), deswegen muss sie möglichst elegant umschifft werden. Um GEMA-Mitglied zu werden und zu bleiben, bedarf es also leider eines Nachweises des Schaffens, das ist der Haken am System, sonst könnte sich ja jeder zum Künstler (wo wir nach Beuys wieder beim Grundeinkommen wären, auch ein schöner Gedanke) erklären und das Geld kassieren. Es muss also für den Erhalt des Künstlergrundeinkommens nachgewiesen werden, das irgendetwas potentiell GEMA-einnehmendes betrieben wird. Seien es Konzerte, oder die Veröffentlichung von Tonträgern oder oder oder. Das schließt natürlich Gratisangebote aus - aber man kann die normalen Angebote deutlich günstiger gestalten, denn man ist dann nicht mehr auf das dadurch generierte Einkommen angewiesen.

Letztendlich ist es ein sozialistischer Gedanke - es soll umverteilt werden. Zum einen von denen, die sehr viel Geld mit ihrer Kunst verdienen, zum anderen von den Zuhörern, denen es somit einfacher gemacht wird, Künstler zu unterstützen. Dass sich Leute 'illegal' Sachen aus dem Netz runterladen, lässt sich eh nicht vermeiden, das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Ich gebe zu, auch der Gedanke hat viele Schwachstellen. Was wäre zum Beispiel, wenn immer weniger Leute sich daran als Konsumenten beteiligen? Dann gehen die Preise immer höher und schließen somit wieder viele Menschen aus. In dem Punkt habe ich eher die Hoffnung, dass der Bedarf nach Kultur universell ist und es immer genügend Menschen gibt, die zu Konzerten gehen. Wie auch schon beim Grundeinkommen meine ich, einen Versuch wäre es wert. Wenn er scheitert, hat man es wenigstens versucht und kann in den alten Dünkel zurückkehren.


An dieser Stelle kann erst recht die Frage aufkommen, wie denn dieser Weg die lästigen GEMA-Probleme à la Youtube löst. Nunja, hier haben wir den kapitalistischen Aspekt. Wenn die geforderten Beträge nicht mit den Gewinnzielen von Youtube/Google vereinbar sind, dann kann es keine Einigung geben. Auch wenn es für viele Menschen so wirkt - Youtube ist weder gemeinwohlorientiert noch Monopolist. Es gibt eine reichhaltige Auswahl an Videoplattformen, die es komischerweise schaffen sich mit den Rechteinhabern zu einigen und somit ganz legal und vergütet Musikvideos anzubieten. Das Youtube/GEMA-Problem ist ein Problem von Youtube, die GEMA kriegt nur den Schwarzen Peter zugeschoben, weil jemand Schuld sein muss und das - in vielen Fällen berechtigterweise - hier in der Öffentlichkeit die GEMA ist. Google stellt es sehr geschickt so dar. Ich sehe kein Problem darin, diese Frage einfach marktwirtschaftlich zu entscheiden. Wenn Google nicht in ausreichendem Maße zahlen möchte, dann haben sie am Ende das Problem, denn Youtube funktioniert einzig und allein wegen der enormen Vielfalt an Inhalten. Sie müssen also selbst entscheiden ob sie lieber die GEMA-Forderungen bezahlen oder die entsprechenden Stücke weglassen und somit Einbußen bei den Werbeeinnahmen verzeichnen. Das Internet ist so sehr im Wandel - vielleicht gibt es schon in ein paar Monaten ganz neue Ideen. Die eigenen Videos im Netz gratis zu präsentieren ist jedenfalls momentan keinerlei Problem, nur halt nicht auf Youtube. So what.


Abschließend möchte ich nochmal auf meinen Vorschlag zurückkommen und anmerken, dass somit im Idealfall Künstler ihr Auskommen haben und ein breiter Teil der Gesellschaft leistet einen für den Einzelnen erschwinglichen Beitrag dazu. Die GEMA müsste zwar ihr Modell auf den Kopf drehen, dürfte aber - als Kompromiss - ihren Bürokratieapparat weitesgehend behalten. Die GEMA ist bekanntlich nur für den Audiobereich zuständig. Das Modell hingegen sollte für alle Künstler gleich sein, ganz egal wie sie sich ausdrücken. Diese Freiheit gehört ebenfalls zur Kunst. Die Forderung nach dem Erhalt der GEMA ist somit nicht ganz akkurat formuliert - ich fordere letztendlich eine gemeinschaftliche Verwertungsstelle aller Künste nach dem vorgeschlagenen Modell, aber bei solchen Monstren muss man einen kleinen Schritt nach dem anderen machen, und da wäre das alles auf einmal leider zuviel des Guten. Die Kunst muss den Gesetzen der Marktwirtschaft entzogen werden. Wir in Mitteleuropa sind so reich, wir könnten uns das leisten - und wir sollten uns das leisten. Auf lange Sicht wird es die Kultur ungemein bereichern und wäre ein wertvoller Beitrag für ein gutes Leben und besseres Miteinander.

P.s. Mir ist unerklärlich warum es in Deutschland z.B. die erstaunlich kommunistische Buchpreisbindung gibt, aber kein Äquivalent für Tonträger. Ich wäre pro Preisbindung für jedwede reproduzierte Kunst, aber das ist schon wieder ein anderes von vielen Fässern, das demnächst mal aufgemacht werden sollte.

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