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Mittwoch, 10. August 2011

Kleinode deutschsprachiger Musik (15): Tocotronic - Die Grenzen des guten Geschmacks 2 (1999)

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In einer losen Serie stelle ich Werke vor, die vordergründig eines gemeinsam haben: Sie wurden in deutscher Sprache verfasst. Das alleine ist natürlich keinerlei Qualitätskriterium. Nein, mich interessiert ein kreativer Umgang mit selbiger.

Tocotronic
Das heutige Kleinod ist ausnahmsweise als eine Art Sequel zum letzten, Blumfelds Draußen auf Kaution zu sehen. Die Bands haben nicht viel gemeinsam, außer dass sie beide auf deutsch singen und mit "Hamburger Schule" gelabelt sind, warum auch immer.

Tocotronic sind eine spätere Generation und hatten Mitte der 90er einen typischen Sound, mit sehr einfacher Schrammelrockinstrumentierung und sloganhaften Texten, die so in jedem besseren Poesiealbum stehen sollten. Die Gemeinsamkeit der Bands besteht einerseits im Klientel, aber auch im Bruch nach ein paar Jahren Bandgeschichte.

Tocotronic sind sich über die ersten drei Alben relativ treu geblieben, aber auf dem vierten, KOOK, scheint fast eine ganz andere Band am Werk zu sein. Die musikalische Strukturen sind viel komplexer und die Texte diffuser.

Die Kunst der Erzählung wurde plötzlich entdeckt und großflächlich exerziert. Man merkt, dass eine starke Entwicklung stattgefunden hat, und wie das immer so ist, gibt es dann viele 'früher-war-alles-besser'-Menschen, die das dann, so scheint mir, aus Prinzip scheiße finden. Ich finde das wunderbar an einer Band, wenn sie offen ist für neue Herangehensweisen. Wieso sollte man sich immer wiederholen?
KOOK ist sozusagen das Übergangsalbum, das spätpubertierende, sinnsuchende mittlere Kind zwischen kleinem, nervigen Bruder und großer Germanistik studierender Schwester.
Das Album enthält eine Fülle toller Ideen, und man kann sicher viele gute Lieder benennen. Aus einem schwer erläuterbaren Grund ist Die Grenzen des guten Geschmacks 2 das Bonbon für mich.

Das Lied hat etwas mystisches. Man hört es, und es schmeichelt den Ohren. Dann hört man es nochmal und hört dem Text genauer zu, aber man versteht trotzdem nicht um was es geht. Nach unzähligen Malen des Anhörens wage ich zu behaupten, dass der Text uns eigentlich garnichts sagen soll, vor sich hintreibende, fließende Sprache ist. Das Lied fließt. Es erklärt nichts, es fordert nichts, es fließt nur - das ist es was ich damit sagen möchte. Ein Vergleich zu S.N.A.F.T. von Ton Steine Scherben ist nicht abwegig.

Es existiert auch eine komplette 'englische' Version des Albums, und so auch natürlich das Lied The boundaries of good taste 2. Sie haben ihre Lieder sehr, ich sag mal, wörtlich übersetzt, was an einigen Stellen ins absurde abrutscht. Ein Paradebeispiel tocotron'scher Übersetzungskunst ist Tomorrow will be like today. Spaß macht die englische KOOK-Version auf jeden Fall! Damit noch nicht genug, existiert die KOOK auch noch als exelentes Remix-Doppelalbum, auf dem z.B. ein fantastischer Remix von Die Grenzen des guten Geschmack 1 von Thies Mynther ist.
Was diese Grenzen anbelangt
So ist bekannt ja anerkannt
Daß sie meistens fließend sind
Das sagtest Du trinkend
Ich war in Gedanken fort
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
Für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts besseres ein
Allein ich war nicht sicher
Würden wir verweilen
Unsere Worte werden leiser
Sie verschwinden in der weise
Einer Zeichnung hier im Sand
Es gibt kein Leben ohne Schande
Jetzt wo fremde Schiffe stranden
Ist erst recht nichts überstanden
Wie man vielleicht bemerken kann
Ich schweife ab so dann und wann
Passiert dergleichen in der letzten Zeit
Ich bin ein wenig überreizt
So geht es wenn man keine Grenzen setzen kann
Doch was diese Grenzen anbelangt
So ist bekannt ja anerkannt
Daß sie meistens fließend sind
Das sagtest Du ein Sprite trinkend
Ich war in Gedanken fort
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
Für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts besseres ein
Allein ich war nicht sicher
Würden wir verweilen


Eines erklärt das Lied dann doch: 'Sprite' ist maskulin.

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