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Freitag, 27. September 2013

Musik und Nebenwirkungen: Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt

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1987 waren die Fronten noch klar, oder hört Helmut heimlich 'Wort zum Sonntag'?
© Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA
...“Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluss vom Axel-Springer-Verlag entstanden“ sang einst Jan Delay. Mit seinem Problem steht er nicht alleine da, man denke nur an Nazi-Demos, auf denen die wirren Gestalten aus plumpem Pseudoprotest heraus Ärzte, Slime oder Scherben laufen lassen. Selbstverständlich erfüllt es seinen Zweck und besagte Bands schäumen vor Wut oder schütteln ungläubig den Kopf. In dieser Situation ist allerdings klar, die Nazis wollen provozieren und nehmen ein Werk wie etwa 'Deine Schuld', welches nunmal absichtlich keine Meinung vorgibt, um es auf ihre Zwecke umzumünzen. Das ist perfide, aber durchschaubarer als das was zwischen den Toten Hosen und vornehmlich der CDU läuft. Viele werden die Szenen (Achtung, nichts für schwache Nerven bzw. fremdschämempfindliche Menschen) gesehen haben – die CDU jubelt ob ihres deutlichen Wahlsieges, und zur Belohnung gibt es fern von Rhythmusgefühl und Intonationsbemühungen eine schreckliche Verhunzung eines Toten Hosen-Liedes. Wie konnte das kommen? Ja, die Hosen schreiben schrecklich langweilige Allerweltslieder und sollten sich nicht wundern dass das dann jeder Langweiler gut findet. Sie beschwerten sich ja bereits während des Wahlkampfes über die Nutzung.

Aber, früher, in der guten alten Zeit, waren Punks und Spießer natürliche Feinde, und genauso wenig wie der gemeine Punk artig seine zwei Kreuze machte, ließ der Spießbürger irgendwas kulturelles an sich heran, was auch nur im entferntesten nach Anarchie oder linken Gutmenschen riechen könnte. Was ist passiert, das es offensichtlich eine normale, wenn auch wie gesagt peinliche Szene ist die CDU-Spitze öffentlich ein Lied der Toten Hosen singen zu sehen?

Dürfen die das?! Wenn es nach den Hosen geht natürlich nicht, aber ich glaube die Empörung ist der Wahrung des Images geschuldet, sie müssen schließlich dieses irgendwie-doch-Punk-Gefühl den Otto-Normalo-Reihenhaus-Fans vermitteln (obwohl Campino z.B. hier ganz freiwillig zugibt mit den Hosen zu einem konservativen Spektrum zu gehören). Die CDU hingegen weiß zwar dass sie aus Spießbürgern besteht, springt aber über ihren konservativen Schatten und akzeptiert die Toten Hosen als Teil des deutschsprachigen Kulturkanons. Sicherlich auch um bei den Backfischen angesagt zu sein, aber eigentlich sind ihnen die Toten Hosen von diversen Zeltsaufparties präsent und schon lange nicht mehr die Krawallanarchisten, die ihre Instrumente nicht wie vernünftige Menschen spielen können. Die Hosen sind im konservativen Spektrum angekommen. Vielleicht ist grade das Punk, wer weiß. Zu sagen haben sie offensichtlich nichts mehr, und deswegen passen sie so prima zur Merkel-CDU. Ich glaube alle Beteiligten wissen das, aber während die Konservativen einen Schritt nach vorne gemacht haben, sind die einstigen Punks konservativ und möchten die alten Zeiten bewahren. Verrückte Welt, aber auch der natürliche Lauf der Dinge. Es wäre überhaupt nichts dabei, wenn nur die Hosen auf ihren 'Protest' verzichten würden.

Ach Hosen, ihr konserviert euer Zeug seit vielen Jahren – und da wundert ihr euch das diese inhaltsleeren Lieder von Konservativen gemocht werden? Dass das nicht gewollt ist nehme ich euch nicht ab. Manchmal kann man einfach nichts machen, weil es genug Idioten gibt deren Fantasie bei Sinnentfremdungen schier grenzenlos ist, aber in dem Fall habt ihr es in der Hand. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Jan Delay Cover? Das wird er allerdings nicht wollen.



Wir leben in einer Zeit, in der Heino Tocotronic covert. Die ehemals klar abgesteckten Grenzen hat die Popkultur aufgefressen. Was bleibt ist die Trotzreaktion, Ignoranz, oder einfach Sarkasmus:
Freaks!
Eine Eilmeldung:
Heino, der Andy Warhol der deutschen Musik, hat unsere Ode an die Verbitterung "Kapitulation" neu aufgenommen. Eine wirklich schöne Version!
Wie ihr wisst, sind wir große Freunde der Konzeptkunst - dies jedoch übertrifft unsere kühnsten Erwartungen. Und jetzt das ganze Bierzelt: "Wenn du denkst Fuck it all, wie soll es weitergehen? Kapitulation!"
Ein großer Tag für dieses Land - Kapitulation forever!
Chapeau, Heino!
Mit herzlichsten Grüssen
Tocotronic
Wenn man sich als Künstler ungerecht behandelt fühlt, bleibt einem auf künstlerischem Wege dagegen vorzugehen. Wenn das auch nichts mehr hilft, bleibt nur noch Humor und die Kapitulation vor den dunklen Kräften. Die Stars in der Manege, sie kapitulieren.

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