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Freitag, 5. Juli 2013

Musik und Nebenwirkungen: Menschen machen Fotos gegenseitig, in dem Glauben, dass jene Momente für alle Zeiten lebendig blieben

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Haben den Spieß schon 2004 umgedreht: Superpunk / ©Tim Jürgens
Es ist eines der größten Mysterien der heutigen Konzertgängergeneration – das permanente Filmen und Fotografieren während musikalischer Veranstaltungen. Früher, vor 300 Jahren so um 2005/06, habe ich eine zeitlang heimlich Konzerte auf MD (die Älteren werden sich erinnern) aufgenommen, um hinterher ein zweites Heimvergnügen zu haben. Der Aufwand lohnte nicht, denn wer hört schon mit Genuss mäßige Mitschnitte an, es sei denn sie enthalten wirklich lohnenswerte Momente.

Fotografieren und Filmen bei Konzerten war mir schon immer relativ suspekt. Was treibt Menschen dazu viel Geld für ein Ticket zu bezahlen, zum Konzert zu fahren, überteuerte Getränke zu kaufen, auf die Band zu warten, nur um dann einen Teil des Konzerts durch einen überdimensionierten Bildschirm zu betrachten? Keine Ahnung. Was hab ich davon zig wackelige Videos zu haben, wenn ich das Konzert in mir selbst garnicht mit allen verfügbaren Sinnen aufgenommen habe? Der Umstand, dass Leute mit ihren Smartphones (und Tablets!) natürlich auch vielen anderen das Konzerterlebnis beeinträchtigen scheint den angesprochenen Menschen wahrscheinlich zweitrangig zu sein.

Ich gehe höchst selten zu Konzerten, bei denen sich massenweise solche Leute tummeln. Deswegen kann ich das Phänomen ohne Groll, sondern vielmehr aus einer soziologisch motivierten Perspektive betrachten. Was treibt also Menschen zu dieser irrationalen Handlung? Verwackelte Videos gibt es schließlich von jedem größeren Konzert zahlreich auf Youtube, deshalb müsste man nicht seine eigene Zeit damit verschwenden sie zu erstellen (und hochzuladen). Ist es wirklich dieses 'schaut wo ich war'? Freilich, nicht jeder geht so inflationär auf Konzerte wie unsereins, da kann so ein sündhaft teures Paul McCartney-Konzert schon was ganz Besonderes sein, aber wenn es so dermaßen toll und speziell ist, dann verschwendet man doch erst recht nicht soviel Zeit daran Filmchen zu machen, oder?

2011 war ich bei Bob Dylan in Hamburg, und da ich ja wie gesagt selten solcherlei (teuren) Konzerten beiwohne, hat mich doch die Entwicklung der letzten Jahre einigermaßen überrascht. Da waren jede Menge Schnösel, die wohl einfach dort waren weil es irgendwie toll ist bei Bob Dylan zu sein, was immer der auch für Musik macht. Die haben gefühlt allesamt über weite Strecken des Konzerts ihre Schwanzverlängerungen Apple-Geräte in die Luft geragt, sodass es tatsächlich fast unmöglich war an einem Bildschirm vorbei zu schauen. Denen ging es mehrheitlich offensichtlich tatsächlich um den 'schaut wo ich war'-Effekt. Was ist mit dem Rest? Persönliches Erinnerungsstück? Wird wohl so sein, nur enden die unzähligen digitalen Erinnerungsstücke früher oder später im digitalen Nirwana, und nicht bei den Urenkeln im Fotoalbum. (Schau, Opa hat noch Bob Dylan live gesehen! Woah, krass. Lass mal zu Yoko Ono gehen bevor es zu spät ist, die ist ja auch schon 148.)

Eigentlich kam ich durch diesen Artikel auf das Thema. In ihm ist der Aufhänger, dass zuviele amateurhafte Filmchen sogar dazu führen, dass Plattenfirmen betroffene Künstler nicht mehr haben wollen. Das klingt etwas hanebüchen. Wäre ich Plattenfirmachef (würde ich mich mit der Knete in die Südsee absetzen), würde ich das als Zeichen eines durchaus großen Interesses am Künstlers deuten. Diese schlechten Videos sind doch kein Ersatz für professionelle Aufnahmen, und werden wohl die Verkäufe eher anheizen als anders herum. Als Künstler kann man einfach ein großes Verbotsschild aufhängen, und wenn das nicht hilft mal ein paar knappe Worte zum Thema sagen. PeterLicht hat das schon immer praktiziert, und auch Dota Kehr macht das meistens. Vielleicht muss eine solche Ansage einfach zu einem Standard-Konzert gehören wie 'und ich hab noch T-Shirts und CDs dabei' und 'man kann uns auf Tour noch in Braunschweig, Castrop-Rauxel und Ulan-Bator sehen, falls jemand von euch zufällig auch da ist'.

Fazit: Kein Mensch möchte die schlechten Videos jemals wieder sehen, und sie werden deutlich weniger haltbar sein als ein Foto mit Elvis. Also, lasst das einfach, ihr Langweiler. Und als Künstler breche ich mir keinen Zacken aus der Krone die Kamerabenutzung visuell oder verbal einfach zu verbieten, wenn mir das auf den Keks geht. (Und bei Plattenchefs hilft sowieso nur ein Schweigegelübde, tiefste lebenslange Reue und 20 Jahre Zwangsarbeit als unbezahlter PR-Knecht bei Universal.)



Bekommt wohl keinen Plattenvertrag mehr wegen der vielen Wackelvideos auf Youtube

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