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Dienstag, 29. Juli 2014

Musik und Nebenwirkungen: Täglich frische Streamen auf den Rücken der Kreativen

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Ist jetzt alles in der Cloud - der Rest kann zu Schalen verarbeitet werden. ©Frédéric Thiphagne
George E. Webb wollte es ab 1909 in Wilmington, Delaware, besser machen. Seine Vision: Musikabruf on demand. Seinen "Tel-Musici"-Service rief man an und buchte entweder ein Programm oder sogar das Abspielen eines bestimmten Stückes. Das kostete drei Cent Gebühr, eine ganze Oper sieben Cent. Eine Abo-Gebühr gab es in diesem Dumping-Modell nicht, aber einen Mindestumsatz von 18 Dollar im Jahr. Das reichte nicht: Tel-Musici hielt sich nur bis 1911.

So alt die Idee des Musikstreams auch ist, so revolutionär ändert sie in diesem Jahrzehnt die Besitzgewohnheiten der Massen. Egal welches Tonträgermedium in den letzten hundert Jahren angesagt war – wer sich nicht nur berieseln lassen wollte, sondern selbst Musik aussuchen, erwarb einen Tonträger und damit (zumindest theoretisch) unbeschränkte private Nutzungsrechte. Selbst in der Post-Tonträgerära wird/wurde immerhin noch der ulkige Dateien-Kaufvorgang vollzogen, welcher nach anfänglichen Einschränkungen heutzutage wohl mehrheitlich uneingeschränkte Nutzung verspricht. Das alles geht nun den Weg des fortschreitenden Kapitalismus - es wird geleast, gemietet, getauscht und verliehen, nur der Besitz erscheint in immer mehr Lebensbereichen nicht mehr erstrebenswert zu sein.

Ich sehe natürlich auch die Vorteile von Streams – der Musikgeschmack ändert sich, und mit ihm die benötigten Tonträger. Praktischerweise haben Streamende dann keine schon seit Jahren nicht mehr abgespielten CDs rumstehen. Auch fällt es so wohl etwas leichter auf neue Musik zu stoßen (wobei der Deezer-Geschäftsführer eher das Gegenteil befürchtet).

Im Grunde ist es momentan eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, außer für die Kreativen. Wenn wir zukünftig für ihre Aufnahmen nicht mehr (nennenswert) bezahlen, müssen wir das ausgleichen, ansonsten bleibt immer weniger Zeit für die so wichtige Muße, und das ist der schmerzhafte Verfall in die Gebrauchsmusik. Nicht nur Thom Yorke und Led Zeppelin, sondern (und ganz besonders) jeder eher mäßig bis kaum bekannte Musikschaffende muss sich ernsthaft fragen, ob es nicht besser wäre diesen Anbietern aus dem Weg zu gehen. Wer nicht Coldplay heißt, kann vielleicht auch auf die (wenns gut läuft) 8,50€ im Monat verzichten und lieber selbst die Lieder im Stream anbieten (beispielsweise bei Soundcloud), und auf Spenden hoffen, die die Streaming-Einnahmen übersteigen.

Auch wenn sich Modelle wie 'Flattr' nicht wirklich durchgesetzt haben, so sollte es in unserer Gesellschaft zum guten Ton gehören, je nach eigenen finanziellen Möglichkeiten immer auch was in den digitalen Hut zu werfen, wenn man etwas gut findet. Gäbe es ein Grundeinkommen, könnten wir dieses Problem ganz elegant umschiffen. Es ist höchste Zeit dass diese Gesellschaft das Experiment wagt.



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