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Sonntag, 20. September 2015

Musik und Nebenwirkungen: Liebes 16jähriges Ich, lieber junger Musikentdecker,

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Anmerkung: Der Text ist inspiriert von dem äußerst lesenswerten Projekt Dear Sixteen-Year-Old Me von Letters Of Note. Allerdings haben wir die Fragestellung leicht abgewandelt: es soll ausschließlich um das Verhältnis zur Musik gehen.

Liebes 16jähriges Ich, lieber junger Musikentdecker,

ich würde Dir gerne ab und an erstaunliche Dinge erzählen, die Du mir niemals glauben würdest. Die erstaunlichsten davon begaben und begeben sich zugegebenermaßen im semi- bis nichtmusikalischen Bereich, aber jene müssen hier nicht in aller Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Die Stories schicke ich Dir bei Gelegenheit in einer PM (also bei ICQ, wenn ich die Zugangsdaten noch wüsste).

Natürlich wäre es aus der Perspektive des Jahres 2015 einfach über die seltsamen Auswüchse pubertärer Irrungen und Wirrungen Deiner Musikentdeckungen herzuziehen, aber weil das vermutlich auch für die Perspektive auf das Jahr 2015 aus dem Jahr 2030 gelten dürfte, möchte ich nicht hochnäsig über zweifelhafte Hörgewohnheiten lästern. Vielmehr möchte ich Dir danken, denn die frühnerdige Auseinandersetzung mit der bunten Subkultur Punk hat Dich sehr positiv beeinflusst. Du lernst beispielsweise was Straight Edge heißt, aber diese Art strenger Regeln in fest abgegrenzten Gruppen kommt Dir damals schon fragwürdig vor. Trotzdem ist es äußerst sinnvoll gewesen, sich schon mit 16 diesen Fragen nach dem Umgang mit Mensch und Tier zu stellen, denn es dauert lange sie einigermaßen gut durchdacht zu beantworten. Aber ich schweife ab, es ging schließlich um die Entdeckung von Musik. Ich weiß, Dir mangelt es an vernünftigen sozialen Einflüssen auf den eigenen Musikgeschmack. Oft sind es die großen Geschwister, die ihre Erkenntnisse weiterreichen. Das ist genauso wenig eine Option wie ein cooler Plattenladen, oder überhaupt ein Plattenladen in Deinem Heimatkaff. Das Internet fiept und beept noch in Slow-Motion vor sich hin, und die Gleichaltrigen hören wirklich unerträgliches Zeug. Deswegen, und es fällt mir schwer diesen Satz zu schreiben, müsstest Du eigentlich dem Fernsehen danken. Genauer gesagt sind es MTV, VIVA, und noch viel mehr VIVA zwei, die Dir auf die Sprünge helfen. Insbesondere bei letztgenanntem Sender siehst Du etliche wirklich gute Videos von tollen Bands, welche Du teilweise sogar noch 15 Jahre später sehr gut finden kannst (ich muss Dir allerdings leider mitteilen, dass Charlotte Roche im nächsten Jahrzehnt nicht mehr ganz so cool und Role-Model-tauglich ist wie im Jahr 2000).

Musikfernsehen wird zwar abgeschafft, aber die Musik- und Musikinformationsbeschaffung werden über die Jahre wesentlich einfacher. Ich frage mich, wie es gewesen wäre, hättest Du nicht das Musikfernsehen gehabt. Es wäre schlimm gewesen. Ich frage mich aber auch, was gewesen wäre, hättest du Youtube gehabt (damit ist so etwas ähnliches gemeint wie das, was Du im Jahr 2000 in Medienkunde erfunden hast, als alle als Projekt eine Website nach Wahl progammieren sollten – mein heißer Tipp: nicht glauben, dass das keiner braucht, weil ja das Internet für Videos viel zu langsam ist und es ja sowieso Musikfernsehen gibt). Hättest Du wirklich ähnliche Künstler*innen (ja, das kann heutzutage unter anderem so geschrieben werden. Noch so eine Sache, über die Du auch mit 16 schon einmal scharf nachdenken solltest) entdeckt? Ich weiß es nicht. Die Welt der Musikentdeckungen ist verwirrender geworden. Das Angebot ist mit 'unendlich' eigentlich ganz gut beschrieben. Dein 2015er Ich hat ja bereits eine Art inneren Musikkompass, an dem er sich ganz gut orientieren kann. Allerdings schränkt der Kompass auch stark ein, und manchmal ist es durchaus offensichtlich, wie festgefahren mancherlei geschmackliche Perspektive bereits ist.

Eigentlich beneide ich Dich um nichts, weil alles 15 Jahre später viel besser geworden ist. Aber Deine Offenheit gegenüber Musikneuentdeckungen, und auch die Frequenz jener, sind eine Ausnahme. Sicherlich ist Dir in aller Regel nicht klar, dass Band XY eigentlich garnicht so wahnsinnig kreativ ist, sondern nur interpretiert, was andere schon vor ihnen gemacht haben. Das ist aber nicht so schlimm, denn Du wirst es herausfinden und beim Wühlen in der Musikhistorie immer tollere Alben entdecken. Ich wünschte Du könntest Dir das bewahren, aber von der Natur scheint diese Konstanz wohl nicht vorgesehen zu sein. Genieße es. Und wenn es weg ist, wirst Du eben andere Sachen genießen können.

¡Venceremos!
Ich, doppelt so alt

PS Die wirklich tollen Geschichten im Zusammenhang mit Musik (...Band, Touren, Spaß…) habe ich Dir verschwiegen, denn Du würdest sie mir eh nicht glauben.

PPS Und noch etwas: Wähle nicht Musik als Fach in der Schule ab. Im Alter fällt es Dir schwer Musiktheorie zu verstehen, und Du wirst bitter bereuen dieses Wissen nicht schon als Schüler auf die Kette bekommen zu haben. Und ein paar Gitarrenstunden würden auch nicht schaden.


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